Das ist feige.

Selbstmord. Das ist ein Thema welches einige Menschen nach dem Suizid von Chester Charles Bennington beschäftigt und auch hinterfragt wird. Ich hab mir einige Kommentare durchgelesen und häufig sah ich Dinge wie „Das ist aber feige.“, „Selbstmord ist nie eine Lösung.“

Und ich musste ganz tief durchatmen. Mich persönlich hat der Tod von Chester nicht so sehr berührt. Mich hat vor allem der Suizid nachdenklich gemacht. Und vielleicht hat es mich auch etwas getriggert. Denn ich kenne selbst dieses Gefühl sterben zu wollen. An einen Punkt zu kommen an dem man sagt „Es geht einfach nicht. Ich will nicht mehr leben.“ Und das ist ein scheiß Gefühl Leute. Das hat nichts mit weglaufen zutun, nichts mit Feigheit. Das ist pure Verzweiflung. Wie auswegslos muss einem das Leben erscheinen wenn man sich dafür entscheidet zu sterben?

Das kann ich euch sagen. Und ich rede nicht von ‚Ich hatte auch Mal schlechte Phasen in meinem Leben‘. Das ist keine schlechte Phase wenn du dran denkst, ob Tabletten, ein Sprung oder die Pulsadern der beste Weg sind. Du wirst von diesem Gedanken aufgefressen, jeden Tag. Und jeden Tag wird es schwerer dem Drang zu wiederstehen es einfach zu beenden. Du denkst drüber nach ob du einen Abschiedsbrief schreibst. Ob es sich überhaupt lohnt sich zu verabschieden.

Ich stand zwei Mal weit oben, ohne Abschiedbrief und wollte einfach den Schritt ins Leere machen. Keine Tränen, kein Schmerz über den Verlust des eigenen Lebens. Da war kein Gefühl, keine Pauken und Trompeten wie im Film. Ich wollte die Depression loswerden, den Scham und wenn ich ehrlich bin wollte ich der verdammten Gerichtsverhandlung aus dem Weg gehen. Die Angst war so übermächtig, dass ich ausgeschaltet hab. Sämtliche Gefühle und Empfindungen liefen auf Sparflamme. Scheiße war nur, dass eben auch gute Empfindungen nicht drin waren.

All die guten Gefühle. Liebe und Glück und Geborgenheit waren nicht da. Und das war natürlich ätzend, denn normalerweise sind es genau die Sachen an die ich mich versuche zu klammern wenn die Depression die Oberhand gewinnt. Als Ausgleich für die Wut und die Trauer. Und letztes Jahr hat das ganze so ein Ausmaß angenommen, dass ich nicht mehr Herr der Lage geworden bin. Bis ich irgendwann vorm Typen saß und einfach meinte „Ich will nicht mehr leben. Gerade möchte ich sterben und das ist so furchtbar. Ich will mich nicht davon bestimmen lassen. Aber ich halte nicht mehr lange durch.“ Das war dann mein Stichwort mir wieder Hilfe zu holen. Also bin ich zum Hausarzt, danach ich eine Klinik zur Therapie und dort hab ich dann gelernt wie ich mit dem Wunsch zu sterben umgehe.

Ich hab mich richtig lange für diesen Wunsch geschämt und gedacht „Wie bekloppt bist du denn? Anderen geht’s schlechter. Andere Menschen müssen sterben und wollen nicht und du stellst dich hier hin und willst die Sache beenden. Warum bist du so undankbar?“ Aber das war keine rationale Entscheidung. Ich hab mir das nicht ausgesucht. Auch nicht die Depressionen die damit im Zusammenhang steht. Niemand sucht sich das auch.

Du kannst den Menschen nicht in die Seele schauen. Würde ich hier nicht offen über den sexuellen Missbrauch, die Depressionen und meine Probleme reden, hättet ihr keine Ahnung. Denn da wäre nur die Fluse die einen sarkastischen Humor hat und blöde Witze macht. Nichts von all den Problemen mit denen ich und auch tausend Andere jeden Tag kämpfen.

Dass Chester Drogen und Alkohol konsumiert hat war wahrscheinlich die Antwort auf den Druck, aber nicht der Auslöser für den Suizid. Wer weiß was dieser Mensch alles durchleben musste. Wir kennen das Leben im Scheinwerferlicht nicht. Deswegen wissen wir nicht, was ihn im Endeffekt dazu getrieben hat sich selbst das Leben zu nehmen. Wir wissen nie was andere Menschen durchmachen müssen. Wir kennen die Gründe nicht dafür, dass ein Mensch sich wehtut, Drogen nimmt oder niemanden an sich heran lässt.

Was wir tun können ist jeden Tag Rücksicht nehmen. Aufmerksam sein für die Empfindungen bei unseren Mitmenschen und den Leuten anbieten eine Stütze zu sein falls sie diese brauchen. Probleme von anderen zu ignorieren ist natürlich einfach. Aber mir persönlich hätte es damals sehr geholfen wenn jemand mal gesagt hätte „Du bist hier nicht alleine. Du fühlst dich so. Aber ich bin da und helfe dir.“

Ein „Stell dich nicht so an.“, oder „Anderen geht’s doch schlechter.“, ist nicht okay.

Suizid, versuchter Suizid und auch nur der Gedanke daran ist ein ernstzunehmendes Problem. Die Psyche macht so viel mit einem und manchmal ist diese so zerrüttet, dass es für die betroffene Person keinen Ausweg mehr sieht.

Seid ein bisschen wachsamer, hört ein bisschen besser zu und seid ein bisschen freundlicher zueinander.

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2 Gedanken zu “Das ist feige.

  1. Danke danke. Du hast mir die Worte genommen die mich genauso beschäftigen und das wiedergeben was ich seit gestern Abend denke. Super Blog Flusi 🙂

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  2. Danke für diesen Text, einfach Danke, dass du die Sache so unglaublich ehrlich ansprichst !
    Wie oft kommen diese Gedanken, wie oft denke ich mir „jetzt einfach nicht lenken gerade aus vor den Baum fahren“ oder “ die Gedanken ob der Sprung wirklich das Ende ist oder man dannach noch irgendwo vor sich hin vegetieren muss…. Und auch ich habe mir Hilfe gesucht, doch die Gedanke werden immer kommen und gehen…. und die Phase geht vorbei Spüche von Familie und Freunden machen das Ganze nur noch schlimmer!
    Danke für deine Offenheit

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