Nie mehr Opfer sein.

Das Schweigen brechen ist an manchen Tagen leichter als an anderen. Heute ist einer der leichteren Tage. Weil ich in den letzten 5 Wochen viele Emails, Nachrichten und teils auch Kommentare zum Thema Missbrauch bekommen hab. Von Fragen, Zusprechen bis hin zu Vorwürfen. Ja Vorwürfe. Es gibt immer noch Menschen die denken, dass sexueller Missbrauch nicht praktiziert wird. Mir wurde gesagt ich seie selbst Schuld weil ich erst so spät darüber geredet habe. Aber gefragt warum wurde von diesen Menschen nicht. Anschuldigungen. Sätze wie „Also ich hätte ja schon eher was gesagt.“ Hättest du? Nach fast täglichen sexuellen Übergriffen deines Stiefvaters? Nach der Angst und nach der Scham. Ich habe vor allem eins: mich nach vergessen gesehnt. Nicht nach Rache, nicht nach Verständnis. Nur nach der Leere. Doch die blieb mir verwehrt. Stattdessen unterdrückte ich mich danach selbst. Fühlte mich ohne Dominanz mir gegenüber unwohl. Ich brauchte das Gefühl dominiert zu werden. Und gleichzeitig hasste ich mich dafür. Meine Partner suchte ich jahrelang danach aus, wie viel ich geben könnte und wie viel mir genommen werden würde. Natürlich nicht bewusst. Aber das Muster erkenne ich jetzt Jahre später. Mittlerweile bin ich nicht mehr abhängig, lasse mich nicht mehr dominieren. Aber das war ein weiter Weg und auch jetzt spüre ich manchmal das Bedürfnis mein Leben und meine Entscheidungen jemanden anderes zu überlassen. Die Opferrolle anzunehmen die mir als Kind aufgedrückt wurde und aus der ich nach und ausbrechen konnte. Das funktionierte aber nur über Hilfe von Therapeuten und liebevollen Menschen in meinem Umfeld. Auch mein zukünftiger Mann hat diese Kämpfe mit mir ausgetragen. All die schlaflosen Nächte, Albträume und nächtlichen Duschen weil ich mich nach Flashbacks immernoch schmutzig fühle. Immernoch missbraucht. Das Gefühl verschwindet nicht. Es brodelt unter der Oberfläche und ich muss mich jeden Tag anstrengen um mich nicht davon einnehmen zu lassen. Nicht wieder zu fallen. Das ist an einigen Tagen leicht, an anderen doppelt so schwer.

In zwei Monaten ist der Gerichtstermin und je näher er rückt desto stärker werden meine Ausfälle, desto häufiger meine Alpträume und Panikattacken. Jeden Tag fällt es mir schwerer nicht in alle alten Muster zu fallen. Damit gebe ich meinem Peiniger, ohne sein Zutun, Macht über mich. Ich weiß nicht wie das Gericht entscheiden wird. Ich weiß nur, dass ich sehen muss wie dieser Mensch gebrandmarkt wird. Sein Leben lang. Denn auch wenn er mir jede Nacht erzählt hat, es sei alles okay. Das war es nicht. Nichts davon war in Ordnung und es hat lange gedauert zu verstehen, dass ich nicht Schuld war, nicht Schuld bin. Nie mehr Opfer sein.

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