„Du musst jetzt alle weiblichen Pflichten übernehmen“

„Ich spürte ihn schon, noch bevor ich ihn hörte. Es war jedes Mal das selbe perfide Spiel zwischen uns. Er kam jede Nacht, legte sich für eine halbe Stunde in mein Bett und befriedigte seine Gelüste. Danach ging er, schmierte mir am nächsten Morgen mein Pausenbrot und wünschte mir einen tollen Tag. Als ich nach Schulschluss Heim kam taten wir so als wäre alles völlig in Ordnung. Er, damit er sich nicht eingestehen musste, dass das was er da tat völlig verkehrt war. Ich, weil ich es nicht begriffen hatte. Mama war nicht da. Ich sollte sie vertreten. Also tat ich das, was man von mir verlangte.“

Vielleicht werden diejenigen, die mir schon länger bei Instagram folgen diesen Auszug kennen. Ein Auszug aus meinem Buch welches ich geschrieben habe. Ein Buch über schweren sexuellen Missbrauch an einem Kind. Ich habe alle Texte gelöscht und vielleicht werde ich das auch mit diesem hier tun. Auch wenn ich mich gerade bereit dazu fühle, mich sicher genug fühle um all das aufzuschreiben, was mich dazu bringt solche Texte zu verfassen. In den Texten eines Autors, egal wie verrückt sie manchmal klingen mögen, steckt immer etwas von der eigenen Seele, der eigenen Gedanken und der Gefühle. Ich habe in meine Geschichte über Emma geschrieben, aber eigentlich hätte ich auch meinen Namen schreiben können. Diese ganze dramatische Liebesgeschichte drumherum mal aussortiert. Aber die körperliche Züchtigung und der Missbrauch. Das ist nicht meiner begrenzten Fantasie entsprungen.

Jahr für Jahr werden ca. 11.808 Anzeigen wegen Kindesmissbrauchs bei der Polizei aufgegeben. Die Dunkelziffer ist deutlich höher. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO)geht für Deutschland von einer Million betroffener Mädchen und Jungen aus, die sexuelle Gewalt erlebt haben oder erleben. Eine Millionen.
Ich habe im Internet nach Blogs gesucht die dieses Thema öffentlich machen. Ich habe nicht viel gefunden. Viele Zahlen, Vermutungen und auch Nachrichtenausschnitte über verhängte Strafen und Anschuldigungen fand ich. Aber wenig Fakten. Eher viele Telefonnummern und Anlaufstellen für Betroffene und auch Angehörige. Die Opfer reden nicht darüber- und wieso sollten sie auch? Ungläubigkeit ist eine bekannte Reaktion, auch mir gegenüber. Und das ist manchmal noch schlimmer als der Missbrauch an sich. Denn damit wird das Thema weggeschoben, ausgeblendet und teilweise sogar ins Lächerliche gezogen.

Warum jetzt werden sich sicher einige fragen.
Weil ich den Täter mittlerweile angezeigt habe. Über ein Jahrzehnt später hab ich es das erste Mal laut ausgesprochen. Was daraufhin folgte waren Polizeipräsidiumsbesuche, Termine bei meiner Anwältin und viele viele schlaflose Nächte. Fragen ob das die richtige Entscheidung war, ob mir das jetzt überhaupt noch etwas bringt und warum ich das ganze Thema nicht einfach hab sein lassen. Und natürlich Angst. Riesige, erstickende Angst. Dem Täter erneut in die Augen zu blicken. Erneut seine Anwesenheit zu spüren und vor wildfremden Menschen erzählen müssen, was diese Person mir angetan hat. Und dann wäre da noch die Strafe. Die Strafe die in meinem persönlichen Ermessen niemals ausreichen wird. Ich versuche mich stark von diesem Gedanken zu distanzieren und versuche vor allem das Gute für mich darin zu sehen. Ich kann eine Traumatherapie beginnen, vielleicht meine Depressionen in den Griff bekommen und nach den Verhandlungen kann ich mich vielleicht endlich wieder sicher fühlen. Wenn ich auf offener Straße laufe und ein Auto neben mir langsamer wird bekomme ich Herzrasen. Für mich fühlt sich mein ganzer Tag nach Gefahr an und ich habe es so satt. Ich möchte mich nicht länger in dieser Opferrolle sehen. Möchte nicht Nacht für Nacht aufwachen, geweckt von Flashbacks und dann eine Stunde in der Dusche sitzen und das Gefühl haben, mir meine Haut blutig schrubben zu müssen. Ich möchte stark sein. Für mich. Und auch für Andere.

Ich möchte gerne das Schweigen brechen was sich so viele Opfer auferlegt haben. Ich weiß wie verdammt schwer es ist mit jemanden darüber zu reden, wie tief die Scham sitzt. Wie weit die Verdrängung reicht und der Selbsthass. Ich habe jahrelang alles durch eine Art Fenster gesehen. Als ob ich alles nur beobachten würde, nie selbst mit involviert gewesen sei. Erst als vor ein paar Monaten die Bestätigung kam, dass die Gerichtsverhandlungen nun eröffnet seien und ich meinen ersten Termin bekam, erst da hab ich verstanden wie wichtig das ist. Nicht nur für mich. Für andere Betroffene und auch für Angehörige die vielleicht Vermutungen anstellen aber es sich nicht trauen diese laut auszusprechen.

Es gibt viele anonyme Anlaufstellen. Egal ob körperlicher, psychischer oder sexueller Missbrauch. Egal ob online, telefonisch oder direkt als Einrichtung in vielen Städten. Eine persönlich von mir empfohlene Organisation ist der „Weisse Ring“. Dort kann man sich telefonisch, per Mail oder auch persönlich erkundigen und Hilfe holen.

Verdrängung klappt eine ganze Weile ganz gut, vielleicht auch viele Jahre. Aber Traumata die wir niemals behandelt haben, die hängen uns nach. Und das wird irgendwann zurück kommen. Vielleicht später, wenn man eigene Kinder hat und plötzlich dem eigenem Partner nicht mehr vertraut sobald dieser mit den Kindern alleine ist. Vielleicht auch in Zwängen und selbstauferlegten Strafen. Es wird immer undichte Stellen geben und das sind meistens die, die einen daran hindern wirklich leben zu können.

Ich bedanke mich an der Stelle schon mal fürs lesen.
Diesen Text versuche ich schon seit mehreren Wochen aufzuschreiben und ich bin im Endeffekt immer unzufrieden damit gewesen oder hab mich nicht getraut, diese Thematik öffentlich zu machen. Es ist ein grenzwertiges Thema und es ist immernoch nicht besonders leicht für mich darüber zu sprechen. Aber das aufschreiben hilft mir ungemein. Der Austausch mit anderen Betroffenen hat mich weiter gebracht und ich hoffe, dass es einige unter euch ermutigt diesen Schritt auch zu wagen.

Flusi.

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7 Gedanken zu “„Du musst jetzt alle weiblichen Pflichten übernehmen“

  1. Ich hatte Tränen in den Augen. Es ist ein so krasses Thema was viel zu oft einfach, wie du auch sagst, tot geschwiegen wird. In meiner näheren angeheirateten Verwandtschaft gibt es auch so einen Fall. Als aussenstehende Person kann man das glaube ich gar nicht so mit empfinden. Entweder man liest das und kriegt direkt Panik und tränen in den augen oder andere wiederum spielen das runter. Ich weiß gar nicht.. Mir fehlen die Worte.. Aber ich musste irgendwie was schreiben.. Sei stark und ja.. Viel ‚ Glück ‚ und all das was man wünschen kann für solche Erlebnisse .. Danke für deinen Text!
    Ps: ich hoffe mein Text ist nicht unangebracht..

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    1. Vielen lieben Dank für deinen Kommentar. (Der im übrigen nicht unangebracht war! Denn das zeigt ja nur, dass so viele Menschen damit schon mal in Berührung auch durch Bekannte und Freunde gekommen ist.) Also Danke dir!

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  2. Ein sehr schön geschriebener Text, aber auch sehr traurig, dass das alles Realität ist. Ich arbeite in einer Kanzlei und so oft kommen junge Frauen zu uns die das selbe Schicksal wie du teilen. Aber auch Mütter, die ihre Kinder beschützen und verteidigen wollen. Die Aussagen dieser Frauen und Kinder sind furchtbar traurig und jedes Mal könnte ich weinen. Die Anwälte unterstützen die Betroffenen so wahnsinnig dolle, aber leider werden die Verfahren oftmals von der Staatsanwaltschaft wegen mangelnder Beweise etc. geschlossen. Doch das Gute ist, dass es auch, für die Opfer, gute Enden gibt.
    Zum Glück gibt es solche Organisationen wie der Weiße Ring oder die ortsansässigen Opferhilfen.
    Ich wünsche dir noch ganz viel Kraft für deinen weiteren Weg.

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  3. Danke, dass du dieses Thema nicht zum Tabu-Thema erkoren hast, sondern das ansprichst, was für viele Menschen einfach unbegreiflich ist. Wie du schon sagst: Es wird viel zu viel geschwiegen. Opfer fühlen sich in Rollen gedrängt, geben sich in gewisser Weise selbst die Schuld an der Tat. Und das, obwohl sie sich nicht falsch verhalten haben.
    Danke, dass du diesen Text geschrieben hast. Ich hoffe, dass du damit vor allem auch Menschen erreichst, die in einer ähnlichen Situation sind/waren und vielleicht den gleichen Weg raus aus der Opferrolle gehen wollen.

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  4. Ich glaube du willst dich nur wichtig machen. Bipolar, sexueller missbrauch, … was kommt als nächstes? Multiple persönlichkeit? Leider bin ich sehr skeptisch geworden, wenn ich so etwas im Internet lese. Es wird einfach zu viel zusammenphantasiert.

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    1. Mit solchen Kommentaren habe ich gerechnet. Über so ein ernsthaftes Thema werde ich mir sicherlich nichts zusammen fantasieren. Du solltest dich mit solchen Kommentaren vielleicht zurück halten oder dich anders ausdrücken. Du darfst skeptisch sein, das sollte man in den heutigen Zeiten immer. Aber meine Blogeinträge sind weder zusammenfantsasiert noch zum wichtig machen gedacht. Viele Grüße 😉

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    2. Also was für ein unverschämter Kommentar! Wie krank müsste jemand sein sich so etwas auszudenken?! Und selbst wenn man Zweifel hat kann man diese konstruktiv und „gefühlvoller“ ausdrücken. Oder wie wärs mit ignorieren?

      Ich wünsche dir, Flusi, alles erdenklich Gute! Ich denke/hoffe das genau dieses Aufschreiben auch eine Art Therapie für dich ist und du damit andere Betroffene erreichst.

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