Die Luft ist raus.

Das Jahr war ein auf und ab der Gefühle.
Zusammenfassend aber vor allem schwierig und mit vielen Veränderungen gespickt. Und ich mag es nicht wenn sich Sachen verändern. Ich brauche Zeit um Dinge zu akzeptieren und dann eventuell zu mögen. Aber wenn keine Zeit zum durchatmen besteht, wenn ein Horrorszenario dem nächsten folgt- dann ist man irgendwann aus der Puste. Und so ging es mir jetzt zum Ende des Jahres auch. Meine Lungen benötigen so viel mehr Sauerstoff.

Im Januar ist mein Stiefvater an einem Schlaganfall gestorben und das hat mich für viele Wochen völlig aus der Bahn geworfen. Ich hatte das Bedürfnis mich um meine Mama zu kümmern, mich um alle anderen zu kümmern- darüber hinaus vergaß ich aber das trauern. Das kam erst weit nach der Beerdigung. Und die Zeit war viel zu kurz um wirklich trauern zu können. Mein Umzug nach Rostock stand nämlich schon in den Startlöchern, inklusive neuem Job. Und so aufregend das alles rückblickend auch war, ich bin rausgewachsen aus dieser Stadt. Die Menschen hier haben sich nur bedingt entwickelt und ich habe mir so viel mehr erhofft. Den Frieden und die Ruhe die ich bekam, die war nur begrenzt auf einen Zeitraum und auch nur geliehen. Vor zwei Monaten stand dann fest- wir müssen wohl nach Bayern. Mit wir meine ich den Typen und mich. Er wird dort seine erste Arbeitsstelle nach dem Studium haben und da wir diese blöde Fernbeziehung so leid sind, ziehe ich also mit. Wieder etwas Neues, wieder etwas Unbekanntes. Bis vor kurzem hab ich noch mit mir gerungen, eigentlich wollte ich nie nach Bayern. Berge. Berge. Berge. Aber ich höre doch wie das Meer mich ruft. Und gleichzeitig denke ich mir „Kann diese scheiß Reise bitte vorbei sein?“ Ich möchte so gerne irgendwo angekommen sein, Zuhause sein. Ich möchte an einem Ort leben, an dem ich wirklich zur Ruhe kommen darf. Den Typen heiraten, ein Baby bekommen, ein Buch schreiben, morgens im Garten mit Tee sitzen und Abends vielleicht mit Wein, Nachbarn haben bei denen man gelegentlich grillt und auf die Kinder aufpasst. Ihr wisst schon, das volle Programm an versnobtem 0815 Leben. Die letzten 23 Jahre waren Chaos genug. Das hätte für 4 Menschen gereicht. Und ich habe das Gefühl es reißt nicht ab. Vor anderthalb Monaten dann der große Knall- ich bin das Erste Mal sein Ewigkeiten nicht mehr alleine aus meiner Depression raus gekommen. Und ich hab mir Hilfe geholt. Ich bin nun in einer Klinik- stationärer Aufenthalt. Um die Hilfe zu erhalten, die ich wohl schon eher benötigt hätte. Und um mich selbst zu schützen. Ich hab dem Druck nicht Stand gehalten und am Anfang hab ich mich dafür furchtbar geschämt. Psycho, Irre, Verrückte. Alles keine schönen Namen- Namen mit denen ich schon in Verbindung gebracht wurde. Aber ich möchte kein Geheimnis aus meiner Krankheit machen, möchte nicht, dass sich jemand dem es auch so geht, dafür schämt oder rechtfertigen muss.
Ihr würdet staunen, wenn ihr wüsstet wer in eurem Umfeld an Depressionen leidet. Schonmal Suizidgedanken hatte- vielleicht auch schon mehr als nur Gedanken.

Heute gehts mir etwas besser, ich versuche jeden Tag bewusster zu leben und den Schmerz der letzten Jahre auch zuzulassen. Verdrängung funktioniert nicht mehr- deswegen probiere ich es nun anders. So viele Sachen sind dieses Jahr passiert und so viele Dinge erwarten mich in dem nächsten. Der Umzug muss vorbereitet werden, eventuell ein neuer Job, neue Menschen, das wirkliche Zusammenleben mit dem Typen. Ich bin ängstlich- aber ich freue mich mittlerweile drauf.
Veränderungen machen mir Angst- aber sie sind nötig.

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2 Gedanken zu “Die Luft ist raus.

  1. Hey Flusi,
    du erinnerst dich vielleicht nicht mehr an mich, aber wir gingen gemeinsam zur Schule.
    Ich möchte dir nur alles erdenklich Gute wünschen – du hast alles Glück dieser Welt verdient & hoffentlich wirst du in Bayern diesem Gefühl des ‚angekommen sein‘ spüren. Du bist ein unglaublich großartiger und mutiger Mensch & ich bewundere dich für deine Offenheit, für deine Ehrlichkeit & für deinen Mut.
    Alles, alles Gute!

    Anne G.

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  2. Hi,
    ich kann dich sehr gut verstehen. Jahrelang habe ich mich selbst aus meinen Depressionen ziehen können, war ein „Stehaufmädchen“. Letztes Jahr war dann alles zu viel und so sitze ich nach 6 Jahren wieder bei der Therapie.
    Aber weißt du, man zeigt auch Stärke, wenn man zugibt, dass es allein nicht mehr geht. Also sei stolz auf dich, dass du den Schritt gewagt hast. Du bist nicht verrückt. Du bist jemand, der stark genug war, um zu sagen, dass es alleine nicht mehr geht. 🙂
    Ich wünsche dir für den Start im Süden alles, alles Gute! ❤
    Liebe Grüße!

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