W-LAN, mein eigenes Bett und meine Privatsphäre.

Wie der Titel vielleicht vermuten lässt, bin ich endlich wieder daheim. Ich kann nun alle meine Serien auf Netflix anschauen, meine Apps aktualisieren und euch alle wieder stalken. GROßARTIG! 😀

Wer sich jetzt fragt wo ich war; in einer Klinik für Psychosomatik und Psychotherapeutische Medizin. Oder auch; in ner Klapse. Das ist nicht das netteste Wort, aber ich glaube damit können die meisten eher was anfangen. Wieso, weshalb und was mir das jetzt gebracht hat- erzähl ich euch jetzt. Diesen Beitrag verfasse ich vor allem für alle die sich in eventuell in einer Situation befinden, die meiner vielleicht gleicht. Dieser Beitrag wird um einiges länger- nur mal so als Vorwarnung.

Grund für den Aufenthalt in der Klinik;

Jaja, viele Menschen hier sind wahnsinnig neugierig und wollen uuuuunbedingt wissen, warum es mir eigentlich so schlecht geht. Und die Antwort meinerseits bleibt immer gleich- das ist nicht euer Bier und tut auch absolut nichts zur Sache.
Ich leide seit vielen Jahren an schlimmen Depressionen. Dazu kommt eine Bipolare Störung. (Wikipedia hilft, da möchte ich jetzt nicht weiter ins Detail gehen, sonst sprengt das den Rahmen) Kurz gesagt, psychisch bin ich eine absolut unstabile Person. Ich kann oft Tagelang nicht aufstehen, habe schlimme Panikattacken, Albträume mit Flashbacks und Angsstörungen. In meinem Alltag werde ich oft von ganz normalen Sachen getriggert, das kann ein Geruch, eine Bewegung oder ein bekanntes Gesicht sein. Darauf reagiere ich häufig mit Atemnot, Kreislaufproblemen und teilweise auch mit den Flashbacks. Das fühlt sich übrigens genauso an wie es sich liest- unangenehm. In den letzten Monaten sind diese Signale wieder extrem häufig geworden und vor 8 Wochen war ich an einem Punkt, an dem diese Angstzustände und die manische Depression mein Leben so beeinflusst haben, dass ich gar nicht mehr leben wollte. Ich spielte nicht mehr nur mit den Gedanken an Suizid sondern hatte mir auch schon einen konkreten Plan gefasst. Und das war der Moment, als es bei mir im Kopf ‚Klick‘ gemacht hat. Ich war nicht mehr lebensfähig, nicht mehr in der Lage mich selbst aus diesem Loch zu holen. Aber was tun, wenn man sich niemandem anvertrauen möchte und man selbst kurz vor dem Abgrund steht?

Die Einweisung:

Nach zwei Wochen ‚Pause‘ bei meiner Mutte- die leider nicht geholfen hat- bin ich dann zu meinem Hausarzt gegangen. Ich hatte einen riesigen Klumpen im Magen und panische Angst, dass er meine Zustände nicht für voll nimmt. Diese Erfahrung hat wahrscheinlich jeder Betroffene schon mal gemacht und das schreckt einen natürlich extrem ab. Mein Hausarzt hat aber ganz anders reagiert, als ich gedacht hatte. Nämlich mit reinem Verständnis. Ich habe diesem Mann eine Stunde gegenüber gesessen und geheult, hyperventiliert und dann noch mehr geheult. Hab ihm gesagt was los ist und er hat mich nicht einfach weggeschickt, sondern nach Lösungsansätzen gesucht. Ich wollte partout nicht in eine Klinik. Unter keinen Umständen- so meine dahingestammelten Sätze. Doch nach langem reden hat mir mein Arzt dann einen Einweisungsschein geschrieben. Also bin ich nach Hause gefahren, hab mir meine Zahnbürste und einmal Wechselsachen eingepackt und bin in die Notaufnahme der Klinik gefahren. Mit Angst. Und dem naiven Gedanken, dass ich morgen schon wieder Heim darf- mit Medikamenten und so. Vorstellig geworden bin ich dann bei einer Ärztin im mittleren Alter die vor allem eins war- null emphatisch. Das hat mich zu dem Zeitpunkt wirklich angekotzt, aber mittlerweile verstehe ich es gut. Wenn man nämlich jeden Tag Menschen betreuen muss die sexuellen Missbrauch, körperliche Gewalt und so weiter hinter sich haben, diese dir dein Herz ausschütten, dann muss man sich irgendwie davon distanzieren. Einen kühlen Kopf bewahren, sonst bricht man unter dieser Last zusammen. Nach einer ersten Eigenanamnese begleitete die Dame mich auf eine geschlossene Station. Sprich- du kommst hier nicht raus. Da ich suizidgedanken hatte und damit eine Gefährdung für mich und wahrscheinlich auch für Andere war, wurde ich erstmal in Sicherheit gebracht. Ich nenne es extra Sicherheit, weil es mich vor Schlimmeren bewahrt hat. Auf der geschlossenen Station hat man erstmal komplett alle meine Sachen durchsucht, Haarnadeln, Ladekabel, Tabletten, spitze Gegenstände, Schminke und so weiter und so fort, wurden mir abgenommen. Aus einem einfachen Grund; Strangulierungsgefahr. Mein Handy durfte ich behalten, meine Bücher und die Zahnbürste auch. Ich kam mir im ersten Moment echt verloren vor, aber es war okay.

Der Aufenthalt geschlossene und offene Station:

Um vor allem die Schweigepflicht an dieser Stelle einzuhalten, werde ich niemals ins Detail gehen- das dient dem Schutz meiner Mitpatienten und natürlich auch mir selbst.

Ich war eine komplette Woche auf der geschlossenen Station. Zum runterfahren, zur medikamentösen Einstellung und zum schlafen. Ich hatte davor Tagelang immer nur mal die Augen zugemacht, aber erholsamer Schlaf war das nicht. Ich bekam Antidepressiva und etwas um die Nerven zu beruhigen. Die Woche auf der geschlossenen verlief unspektakulär. Ich hab nicht viel gemacht, rausgehen durfte ich nicht und der Besuch war zu diesem Zeitpunkt noch sehr störend. Als ich soweit stabil war, bin ich auf die offene Station „umgezogen“. Dort lief das ganze etwas anders ab. Therapieplan, Wochenplan, rausgehen und mehr Kontrolle über sich selbst. Im Vordergrund standen die Gruppentherapien. Was mich am Anfang ziemlich verunsichert hat- nicht, dass ich ein Problem mit reden hätte. Aber fremden Menschen mein Leid ins Detail klagen? Bitte nicht. Nach einer Woche allerdings waren diese Menschen nicht mehr fremd sondern eher eine Zufluchtsstätte für mich und meine Gedanken. Die Gruppengespräche teilen sich in mehrere Schichten; die Gruppengespräche an und für sich, wo über ein Thema gesprochen wird was der ein oder anderen direkt betrifft. Das soziale Kompetenztraining, was speziell auf die Vermeidungsstrategien zielt die man sich vielleicht so angewöhnt hat und wie man sich bestimmten Dingen, Menschen und Situationen stellt. Das Aufmerksamkeitstraining- dabei geht es um die Konzentration und das trainieren von eben dieser. Dann gab es die aktive Bewegungstherapie. Eine Therapie die fast ohne Worte stattfand. Dort geht es vor allem um Vertrauen, Mimik und Gestik. Es gab viele Übungen die mir geholfen und einiges klar gemacht haben. Fast täglich hatten wir Ergotherapie- ihr wisst schon. Basteln und sowas. Wir mussten aber z.B auch unser „Zukunfts-Ich“ zeichnen und erklären- war eigentlich ne ganz coole Sache, vor allem weil man mal den Kopf ausschalten konnte. Dann gab es die Genusstherapie- in dieser Therapie dreht sich alles um die Sinne. Um wieder bewusster Sachen wahrzunehmen und auch zu genießen. Sei es das Stück Schokolade, das heiße Bad oder der Besuch im Museum alleine. Musiktgerapie mochte ich mit am liebsten- da durfte man ganz wie man wollte mit den Instrumenten herum experimentieren, singen und etwas ausgelassener sein.
Jeden Morgen um 7:00Uhr musste die komplette Truppe 20 Minuten spazieren gehen- vor dem Frühstück. Das hab ich als Morgenmuffel nicht wirklich leiden können, aber es gehörte eben dazu. Neben all diesem ganzen Kram gab es auch Einzeltherapien. Darauf muss ich hier wohl nicht weiter eingehe, ich denke jeder kann mit diesem Begriff was anfangen. Drei Mal die Woche hatten wir Abendgestaltungen- ebenfalls Pflicht. Diese mussten wir uns selbst sortieren und organisieren. Das fing mit nem Ausflug nach Warnemünde an und ging hin bis zum Spiele und Bastelabend. Freitags haben wir meistens einen Film geschaut und Pizza bestellt. 😉
Bis auf zwei Einzelzimmer gab es sonst nur Zweierzimmer- was echt okay war. In keinem Zimmer gab es einen Fernseher, Laptops und Tablets waren verboten. Man sollte sich nicht von den anderen isolieren und deswegen gab es auf der Station auch kein WLAN. Man musste sich schon beschäftigen oder im Aufenthaltsraum mit den anderen Menschen reden. Ab 16Uhr durfte man auch, abgesehen von den Mahlzeiten, auch Fernseh gucken. Das hat mich aber gar nicht gereizt.
Die Schwestern, Pfleger, Ärzte und Therapeuten waren, bis auf wenige Ausnahmen, durch die Bank hinweg nett. Ich persönlich habe mich sehr gut aufgehoben gefühlt.

Der Abschluss und wie es jetzt weiter geht:

Mich hat dieser Aufenthalt aufgefangen und vor Schlimmeren geschützt. Genutzt haben mit die Therapien aber nur teilweise etwas. Was aber nicht an der Kompetenz oder so liegt, sondern an meiner Diagnose. Mein nächster Schritt wird eine Trauma Therapie sein- denn das ist es was ich eigentlich benötige. Die 6 Wochen Aufenthalt haben mich aber trotzdem viel gelehrt. Ich komme besser mit meiner Wut klar, kann meine Gefühle klarer benennen und habe wieder mehr Mut um auch offen drüber zu sprechen. Die Suizidgedanken sind aktuell aus meinem Kopf verbannt und ich versuche mich nicht mehr so zu stressen mit mir selbst. Eine Zeitlang habe ich gar nichts mehr gespürt und jetzt fühle ich wieder alles. Das ist nicht ganz so einfach, aber jeden Tag lerne ich ein bisschen was über mich und meine Reaktionen.
Ich freue mich sehr wieder daheim zu sein, auch wenn ich ängstlich bin.

Ich habe absolut keine Ahnung ob das jetzt jemanden was gebracht hat. Mir werden häufig diesbezüglich Fragen gestellt und deswegen wollte ich hier so offen und ehrlich wie möglich schreiben. Falls es immernoch Fragen gibt- immer her damit.
Wie Aneghörige mit dieser Situation umgehen sollten, das ist nochmal ein anderes Thema, über das ich bei interesse auch gerne schreibe.

Danke fürs lesen. Meine Finger frieren, ich muss erstmal die Heizung anschmeißen 🙂

Flusi

(Rechtschreibfehler, Kommafalschsetzung und ähnliches- dürft ihr behalten.)

Die Luft ist raus.

Das Jahr war ein auf und ab der Gefühle.
Zusammenfassend aber vor allem schwierig und mit vielen Veränderungen gespickt. Und ich mag es nicht wenn sich Sachen verändern. Ich brauche Zeit um Dinge zu akzeptieren und dann eventuell zu mögen. Aber wenn keine Zeit zum durchatmen besteht, wenn ein Horrorszenario dem nächsten folgt- dann ist man irgendwann aus der Puste. Und so ging es mir jetzt zum Ende des Jahres auch. Meine Lungen benötigen so viel mehr Sauerstoff.

Im Januar ist mein Stiefvater an einem Schlaganfall gestorben und das hat mich für viele Wochen völlig aus der Bahn geworfen. Ich hatte das Bedürfnis mich um meine Mama zu kümmern, mich um alle anderen zu kümmern- darüber hinaus vergaß ich aber das trauern. Das kam erst weit nach der Beerdigung. Und die Zeit war viel zu kurz um wirklich trauern zu können. Mein Umzug nach Rostock stand nämlich schon in den Startlöchern, inklusive neuem Job. Und so aufregend das alles rückblickend auch war, ich bin rausgewachsen aus dieser Stadt. Die Menschen hier haben sich nur bedingt entwickelt und ich habe mir so viel mehr erhofft. Den Frieden und die Ruhe die ich bekam, die war nur begrenzt auf einen Zeitraum und auch nur geliehen. Vor zwei Monaten stand dann fest- wir müssen wohl nach Bayern. Mit wir meine ich den Typen und mich. Er wird dort seine erste Arbeitsstelle nach dem Studium haben und da wir diese blöde Fernbeziehung so leid sind, ziehe ich also mit. Wieder etwas Neues, wieder etwas Unbekanntes. Bis vor kurzem hab ich noch mit mir gerungen, eigentlich wollte ich nie nach Bayern. Berge. Berge. Berge. Aber ich höre doch wie das Meer mich ruft. Und gleichzeitig denke ich mir „Kann diese scheiß Reise bitte vorbei sein?“ Ich möchte so gerne irgendwo angekommen sein, Zuhause sein. Ich möchte an einem Ort leben, an dem ich wirklich zur Ruhe kommen darf. Den Typen heiraten, ein Baby bekommen, ein Buch schreiben, morgens im Garten mit Tee sitzen und Abends vielleicht mit Wein, Nachbarn haben bei denen man gelegentlich grillt und auf die Kinder aufpasst. Ihr wisst schon, das volle Programm an versnobtem 0815 Leben. Die letzten 23 Jahre waren Chaos genug. Das hätte für 4 Menschen gereicht. Und ich habe das Gefühl es reißt nicht ab. Vor anderthalb Monaten dann der große Knall- ich bin das Erste Mal sein Ewigkeiten nicht mehr alleine aus meiner Depression raus gekommen. Und ich hab mir Hilfe geholt. Ich bin nun in einer Klinik- stationärer Aufenthalt. Um die Hilfe zu erhalten, die ich wohl schon eher benötigt hätte. Und um mich selbst zu schützen. Ich hab dem Druck nicht Stand gehalten und am Anfang hab ich mich dafür furchtbar geschämt. Psycho, Irre, Verrückte. Alles keine schönen Namen- Namen mit denen ich schon in Verbindung gebracht wurde. Aber ich möchte kein Geheimnis aus meiner Krankheit machen, möchte nicht, dass sich jemand dem es auch so geht, dafür schämt oder rechtfertigen muss.
Ihr würdet staunen, wenn ihr wüsstet wer in eurem Umfeld an Depressionen leidet. Schonmal Suizidgedanken hatte- vielleicht auch schon mehr als nur Gedanken.

Heute gehts mir etwas besser, ich versuche jeden Tag bewusster zu leben und den Schmerz der letzten Jahre auch zuzulassen. Verdrängung funktioniert nicht mehr- deswegen probiere ich es nun anders. So viele Sachen sind dieses Jahr passiert und so viele Dinge erwarten mich in dem nächsten. Der Umzug muss vorbereitet werden, eventuell ein neuer Job, neue Menschen, das wirkliche Zusammenleben mit dem Typen. Ich bin ängstlich- aber ich freue mich mittlerweile drauf.
Veränderungen machen mir Angst- aber sie sind nötig.