Zu wenig Zeit.

Als ich gestern mit meiner Mutter telefoniert habe, da war ich mir so sicher, dass deine Stimme im Hintergrund auftaucht und laut dazwischen ruft. Mich fragt wann ich denn mal wieder vorbei komme.

Und dann traf es mich erneut. Jeden Tag gibt es einen bestimmten Moment, meist kurz vor dem schlafen. Dieser eine Moment der mir sagt „er ist weg“. Und dann bin ich für ein paar Minuten wie betäubt. Weil du mich nicht begleiten wirst, weil du meine Mutter nicht begleiten wirst. Weil du ein Loch in diese Familie gerissen hast. Wird das jemals aufhören? Werden wir jemals aufhören deinen Namen zu flüstern, auf leisen Sohlen durch das Haus zu gehen? Ich hoffe es so sehr. Gleichzeitig habe ich panische Angst davor, dass du vergessen wirst. Dein Name nicht mehr fällt.

Du warst so unbeugsam, ein Fels, eine Eiche. Stark, unerschütterlich, menschlich. Wir haben dich nicht nur geliebt, wir haben dich geschätzt. Für deine Engstirnigkeit, deine Ehrlichkeit und dein Wort. Dein Wort. Deine raue Stimme, mal leise, mal laut. Durch die vielen Episoden deines Lebens so klug, mal sarkastisch. Du hattest mehr als neun Leben, dachten wir. Du hattest dieses Glück genauso verdient wie wir. Ich hoffe du hast das gespürt, hast gespürt, dass wir da waren. Deine Hand gehalten haben, als deine Organe versagt haben, als dein Herz aufgehört hat zu schlagen. Du hattest noch so viel Zeit, dachten wir. 45 Jahre. Vorbei. Wir hatten nicht genug Zeit.

Du hast dich nie als Ersatzvater beworben, bist es eben genau deswegen geworden. Vielleicht nicht mehr die kleine Tochter dessen Schaukel man anschubst, aber die Tochter die mit dir in der Küche steht, Bier trinkt und über den Traktor redet. Vielleicht nicht der Vater der beim Handball am Feldrand gestanden hat und mich bejubelt hat, aber der Vater, der mir Verteidigungsgriffe zeigt, meinen Freund als Schwiegersohn akzeptiert und mich zum Altar führen sollte. Wir hatten zu wenig Zeit. Du solltest doch der coole Opa mit Strohhut sein, der mit meinen Kindern in der Werkstatt steht und bastelt. Der mit seinem Enkel das erste Bier trinkt und ihn heimlich nippen lässt, weil Opas sowas nunmal tun. Du solltest mich belehren, solltest mich in Schutz nehmen. Wir hatten nicht genug Zeit.

Du solltest meine Mutter begleiten, alt werden mit dieser Frau und später mit ihr zusammen senil werden und dann, wenn die Zeit gekommen wäre, gemeinsam gehen. Stattdessen ist sie jetzt alleine, wieder alleine. Ich weiß du wolltest das nicht, bist nicht freiwillig gegangen. Doch das ändert nichts an der Tatsache. Ändert nichts daran, dass sie keine Eiche mehr hat, keine Schulter zum anlehnen. Wenn mein Schmerz schon so übergreifend ist, wie muss es dann wohl in ihr aussehen? Wir reden über dich, aber immer mit Bedacht. Keiner spricht aus, dass wir dich vermissen. Denn dann müssten wir zugeben, dass du nicht von der Arbeit heimkehrst. Wir hatten zu wenig Zeit.

Als ich gestern mit meiner Mutter telefoniert habe, da war ich mir so sicher, dass deine Stimme im Hintergrund auftaucht und laut dazwischen ruft. Doch du kehrst nie wieder, lachst nie wieder. Da wo eine Eiche war, da sind nur noch Wurzeln. Wir sind taub. Wir sind blind vor Trauer. Wir hatten zu wenig Zeit.

 

Advertisements

5 Gedanken zu “Zu wenig Zeit.

  1. Es hört niemals auf, es wird auch nicht besser aber irgendwann hört die Brust auf zu schmerzen und die Stimme verschwindet. Aber ob das gut oder schlecht ist, das weiß ich nicht.

    Danke für diesen Text. Er kam zur richtigen Zeit.

    Gefällt mir

  2. Der Text ist unglaublich und ich kann genau fühlen was du fühlst! Mir ist genau das selbe passiert mit meinem stiefvater. Es tut so weh. Schön geschrieben!

    Gefällt mir

  3. Du triffst immer mitten ins Herz .. Ich fürchte wir werden sie immer vermissen.. Du deinen Stiefvater, ich meinen Opa, andere Menschen jemand anderen.. Sie haben ein riesiges nicht füllbares Loch hinterlassen.. Danke dass du das mit uns teilst..

    Gefällt mir

  4. So traurig… Ich hab Tränen in den Augen… Einen geliebten Menschen zu verlieren ist das schrecklichste. Ich wünsche euch, dass ihr trotzdem glücklich sein könnt und irgendwann ohne Schmerz lebt 😥

    Gefällt mir

  5. Der Schmerz geht nie weg, man lernt nur ihn als Teil von sich zu sehen und mit ihm zu leben.
    Ich mag deinen Schreibstil sehr, trotz seiner Schnörkellosigkeit vermittelt er das richtige Gefühl. Bei diesem Text musste ich weinen und bin gleichzeitig froh, weil ich weiß, dass ich mit meiner Trauer nicht alleine bin.
    Alles Liebe
    Maren

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s