Alles wie immer.

Alles wie immer. Aufstehen, anziehen, Zähne putzen, Frühstück essen, Schlüssel einpacken, aufs Fahrrad und zur Schule. Alle stehen noch in der Kälte, unterhalten sich über die bevorstehende Klassenarbeit in Mathe. Bei diesem Gedanken wird mir schlecht, bitte nicht Mathe. Alles ist wie immer.

Die Mathearbeit läuft wie gedacht, hoffentlich hab ich wenigstens 50% richtig.
Große Pause, über den Schulhof laufen und sich dazugehörig fühlen. Dann kurz in die Cafeteria, Donut teilen und im Warmen sitzen. Reden mit meinen Freunden, vor allem über Jungs. Ich will nicht mit der Sprache rausrücken in wen ich verliebt bin. Aber eigentlich wissen es alle. Alles ist wie immer.

Schulschluss, aufs Fahrrad und nach Hause. Niemand da. Essen. Wieder raus. Morgen würde ich behaupten ich hätte meine Hausaufgaben vergessen. Hoch zum Diestelberg, Treffpunkt wie immer. Rumsitzen, Zeit verplempern und Musik über Bluetooth verschicken. Alles ist wie immer.

Nach Hause fahren wenn es dunkel wird. Meine Mutter in der Küche vorfinden. Tränenüberströmt. „Wir ziehen um.“ Alles ist wie immer- alles wird sich verändern.

Der Abschied kommt wie immer zu schnell. Abschiedsgeschenke, Tränen, Versprechungen und Umarmungen. Ich steige ins Auto, hab es noch nicht realisiert. Neben mir liegt die Hansajacke, daneben eine Kiste voll mit meinem Kram. Mein ganzes Leben musste in eine Kiste passen. Briefe, Bilder, noch mehr Briefe. Alles ist wie immer.

Eine leere Wohnung, ohne Möbel, nur der Balkon und zwei Stühle aus Plastik. Wochenlang leben wir minimal. Die Sommertage sind lang, doch nicht lang genug. Erster Schultag in der neuen Klasse. Keine Akzeptanz. Es dauert Wochen bis ich zurecht komme. Alles dreht sich um das furchtbare Gefühl in meiner Brust. Alles ist wie immer.

Freunde finden gestaltet sich schwierig. Vertrauensängste, Lügen, Mädchenkram. Panikattacken in meinem düsteren Zimmer, nur die unbequeme Matratze. Nebenan Gelächter, du hast dich schon eingelebt. Ich lebe nur noch in den Tag. Alles ist wie immer.

Endlich die Möbel, es wird wohnlich. Nichts passt zueinander, aber das macht uns aus. Spiegelt uns wieder. Ich passe nicht zur Einrichtung, passe nicht in diese Stadt. Fernbeziehung, Tränen, lange Zugfahrten um kurz Zuhause zu sein. Alles ist wie immer.

Herbst, Winter, Frühling, Sommer. Die Jahre vergehen und ich habe mich angepasst. Habe wieder verloren, wieder „Lebewohl“ gesagt. Ich bin wütend, auf dich, auf jeden. Vor allem auf mich. Auf meine Angst vor Unbekanntem, vor dem Aufregendem. Ich will nichts Neues, ich will das alte Vertraute. Will das Backsteinhaus, die Fahrradtouren zum Inselsee und meine alten Freunde. Ich habe mich angepasst. Alles ist wie immer.

Jetzt geh ich zurück. Nach Jahren des Heimwehs, dem Wellenrauschen im Herz. Der Großstadt, den Kleinstädten, den Umzügen, den Tränen und den Abschieden. Jetzt geh ich endlich wieder dahin wo ich herkomme. Wurzeln schlagen wo schon längst welche sind. Hier ist nichts wie immer. Hier fängt es endlich an.

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