Ein sicherer Hafen.

Ich möchte nicht lange um den heißen Brei rumreden. Hier ein Blogpost über meine erste Therapie.

„Du brauchst Hilfe.“

Musste ich mir in den letzten Jahren öfter anhören. Ich belächelte das alles, denn ich wusste selbst, dass ich Probleme habe die ich nicht alleine lösen konnte.
Ich wollte keine Hilfe annehmen, nicht weil ich stur und bockig war. Sondern aus Scham. Ich habe mich unfassbar für alles geschämt. Und das dann auch noch jemandem erzählen der mich nicht mal kennt? Keine Chance. Ich konnte ja nicht mal nen klaren Gedanken fassen, wie sollte ich also alles über die Lippen bringen? Und so trug ich alles mit mir rum. All die Wut, all das Entsetzen und die Angst.

Die Wut brach sich immer dann Bahnen wenn ich es am wenigsten gebrauchen konnte. In der Klasse gegen meine Lehrer, meine Schulkameraden und gegen mich selbst. Ich konnte mich nicht zügeln, schon gar nicht wenn ich das Gefühl hatte ungerecht behandelt zu werden. Die Angst kam meistens mit der Einsamkeit, die ich oft durch meine Wut in Gang setzte. Mit der Angst kamen Alpträume, Tränen und noch mehr Wut. Ein verdammter Teufelskreis. Und ich hatte einfach kein Wort für dieses (Nicht)- Gefühl.

Am absoluten Tiefpunkt vor einigen Jahren, suchte ich mir dann Hilfe. Mein erster Termin bei meiner Psychologin. Auf die Frage ‚wie es mir denn ginge?‘ fing ich an zu heulen. Und das tat ich die nächsten 60 Minuten. Und das tat ich die nächsten 4 Sitzungen. Ich sagte kein Wort, ich weinte. Und meine Psychologin reichte mir ständig neue Taschentücher. In der 5ten Sitzung konnte ich das erste Mal richtig antworten. „Mir geht’s schlecht.“ Sie nickte. Ich fühlte mich wohl. Wir sprachen über alles Mögliche, unwichtige Dinge. Es dauerte 5 weitere Sitzungen bis ich auf die eigentlichen Probleme zu sprechen kam. Ich weinte noch mehr. Und sie hörte zu, ließ mich erzählen dass ich Angst hatte, dass ich tagelang nicht schlief und dass meine Lieblingsschokolade Vollmilch von Milka war.

Nach den Gesprächen fühlte ich mich immer etwas freier. Sie verurteilte mich nicht, sah mich nicht an wie ein Opfer und machte keine neunmalklugen Bemerkungen. Erst als ich alles erzählt hatte, erst als in der Sitzung keine Tränen mehr kamen, erst da  fing sie an mit mir zu sprechen. Sie sprach mit mir über Übungen die ich machen konnte wenn ich wieder diese Wut bekam, sie machte mir Listen mit Dingen an die ich denken sollte wenn ich spürte dass ich die Kontrolle über mein Leben verlor. Sie half mir klar zu kommen, mir wieder selbst zu vertrauen. Vor allem bekam ich mit ihrer Hilfe diese dauerhafte Angst in den Griff. Nicht weg. Aber ich konnte sie kontrollieren.
Ich lernte mich neu kennen. Verstand endlich dass ich mich mögen musste um leben zu können. Ich schlief endlich wieder regelmäßig. Ohne Angst. Ohne das Licht anzulassen.

Jetzt, Jahre später, bin ich so unendlich froh dass ich diesen Schritt gemacht habe. Und zwar aus eigenem Willen. Man muss es selbst wollen, man muss sich eingestehen dass man Hilfe braucht. Erst dann kann man diese auch annehmen.
Und den typischen Gedanken den man hat, wenn man an Therapien und Psychologen denkt, der ist in den meisten Fällen nicht richtig.

Sucht euch eine Praxis aus in der ihr euch wohl fühlt, der für euch sicheres Terrain wird. Ihr müsst euch einen sicheren Hafen suchen, bis ihr euer eigener Hafen sein könnt. Fühlt euch nicht schlecht weil ich alleine nicht mehr weiter kommt. Manchmal braucht man einfach Unterstützung, das ist völlig okay.

Wenn ihr ein gebrochenes Bein habt geht ihr auch zum Arzt. Mit einer gebrochenen Seele verhält es sich ähnlich. Dieser Schmerz muss nicht von Dauer sein. Versprochen.

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Ein Gedanke zu “Ein sicherer Hafen.

  1. Sehr sehr gut geschrieben. Du sprichst mir da aus der Seele. Vor nicht all zu langer Zeit war auch an diesem Punkt angekommen. Ich wusste nicht mehr weiter. Und es war so eine Erleichterung, mit jemand… Fremden darüber zu sprechen. Jemanden, der meine Geschichte ganz unvoreingenommen annimmt und ohne Wertung mit mir darüber spricht.
    Ich kann dich da also sehr gut nachvollziehen und finde es super, dass du diesen Post gemacht hast!

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