Der letzte Atemzug.

Da war oft eine Traurigkeit in deinen Augen, die dir niemand nehmen konnte. Wir haben es versucht, weiß Gott wie oft. Doch du warst gefangen, in dir, nicht mehr stark genug um da raus zu finden. Deine Seele ein Labyrinth, deine Gedanken ein großes Karusell. Dein Herz mitten drin. Es tut mir so unendlich leid, dafür dass wir dich nicht retten konnten. Dass dieser Schritt, dieser Atemzug, dein letzter Asuweg war.

Ich wusste es, schon Tage vorher spürte ich einen Knoten in meinem Magen. Auf Anrufe hast du lange schon nicht mehr reagiert, deine Eltern meinten du hast dich selbst entlassen. Dabei hatten wir gehofft dass es dieses mal seine Wirkung nicht verfehlen würde. Doch wie sollten Fremde zu dir durchdringen, wenn wir das nicht geschafft hatten? Als mein Handy klingelte, wusste ich es. Es gab einen kleinen Windstoß, dabei waren alle Fenster zu. Vielleicht warst du es um Abschied zu nehmen? Ein Flüstern in der Leitung. „Er ist gesprungen!“ Dann Klicken und Stille. Und das laute Dröhnen in meinem Ohr. Ich weiß nicht mehr wie lange ich in der Küche stand, doch meine Füße Hände und Füße waren eiskalt, meine Wangen nass von den stummen Tränen. Ich wusste es, doch es traf mich deswegen nur umso härter. Was tut man wenn ein lieber Mensch einen verlässt? Freiwillig verlässt. Denn das hast du, du bist aus dem 10ten Stock gesprungen, und keiner war da um dich aufzufangen. Was hast du gedacht als du die Treppen hochgestiegen bist? Oder die Fahrsuhlmelodie gehört hast. Warst du in Gedanken schon so weit weg und abgestumpft, oder hast du an uns gedacht? An deine kleine Schwester, die noch viel zu jung war um es zu verstehen. Oder an deine Eltern? Ich möchte es mir nicht vorstellen. Möchte mir die Ängste, die Klarheit und die Taubheit nicht vorstellen. Du hattest Höhenangst, das hast du immer mal erwähnt. Selbst auf dem Rummel bist du nicht ins Riesenrad gestiegen. Doch in deinem Tod hast du deine Angst besiegt, hast dich selbst besiegt.

Deine Beerdigung war pure Liebe, keiner hat ein böses Wort verloren. Es wurde gelacht, über dich und deine Geschichten. Die Sommerferien, als du den Traktor gestohlen hast, wir konnten uns genau daran erinnern. Deine unbeschwerten Zeiten. Eine Zeit lang war ich traurig, dann war ich lange wütend. Du hattest auch mich im Stich gelassen, hast uns im Stich gelassen. Ich schäme mich oft für meine Wut. Wie konnte ich dir böse sein, du warst schließlich alleine. Kein Lächeln hat dich begleitet, kein tröstendes Wort. Du warst alleine, während wir alle um dein Grab standen. Du hast eine Lücke hinterlassen die Jahr für Jahr erneut aufreißt. Doch wir schaffen es sie zu füllen, mit Gedanken an dich. Du fehlst uns, du fehlst uns!

Da war oft eine Traurigkeit in deinen Augen. Und mittlerweile habe ich verstanden.

Abschiedsgefühl.

Ich sinke ein, meine Zehen graben sich immer tiefer und meine Lungen saugen die salzige Luft förmlich auf. Ich bin Zuhause. Der Wind, der mir um die Ohren peitscht, ist nur halb so kalt wie an anderen Orten. Hier fühlt es sich warm an, weil du so vertraut bist. Du bist mein Ursprung und irgendwo hier habe ich tiefe Wurzeln geschlagen. Hier fühle ich mich angekommen, angenommen. Alle Wege kenne ich blind. Hier bleibt die Zeit stehen, ein kurzer Moment Frieden. Ich steh an deinem Ufer und das Wasser läuft mir über die nackten Zehen, ich erschaudere. Nicht weil das Wasser so eisig ist, sondern weil ich bald den Heimweg antreten muss. Ich lasse meinen Blick über den fast leeren Strand streifen, nur vereinzelt sind Leute unterwegs. Ich kann spüren dass es ihnen ähnlich wie mir geht, dass das Wellengeplätscher die Nerven beruhigt. Am Himmel fliegen ein paar bunte Drachen, entferntes Kinderlachen. Ich könnte hier den ganzen Tag stehen, tief ein und ausatmen. Doch meine Realität ist die Großstadt, die Küste weit entfernt, ein Wunschgedanke wieder heim zu kehren. Du bist so wunderschön wenn du Wellen schlägst, dich aufbäumst und grau bist, wie meine Gedanken. Du bist so wunderschön wenn deine glatte Oberfläche das Sonnenlicht reflektiert, du in dir ruhst und Sommertage unvergesslich werden lässt. Ein Arm legt sich um meine Hüfte, mein Kopf lässt sich auf die Schulter fallen. „Ich will hier nicht weg!“, flüstere ich. In meinen Augen sammeln sich Tränen, sie bilden einen heißen Kontrast zum frostigen Wetter. Er nickt verständnisvoll, antwortet mir flüsternd „Irgendwann kommst du zurück. Zusammen mit mir. Ich verspreche es.“ Die Tränen laufen schneller. Irgendwann.. Ich werde wieder heim kommen, ich bin mir sicher. Doch ‚irgendwann‘ klingt nach einer verdammt langen Zeit dazwischen. Ein letzter Blick über das tosende Wasser. Dann drehe ich mich um, gehe wieder fort. Der Sand ist nass, dieses mal friere ich wirklich. Der Abschied ist kühl, dein Wind jagt mich weg. Bis bald mein Freund. Im Auto drehe ich die Heizung auf, doch nichts vertreibt das Gefühl von Heimweh. Ich sinke ein, nicht im Sand sondern im Ledersitz des Autos. Stumme Tränen begleiten mich über die Autobahn. Und das Versprechen an mich sobald wie möglich wieder zu kommen. Bis bald mein Freund.

Der Klotz am Bein.

Wie einige hier sicher wissen, tendiere ich eher dazu sehr schnell wütend und vielleicht auch ein bisschen aggressiv zu werden. Das ist sicherlich nicht die feine englische Art, aber in mit wohnt ein kleiner Gnom der nochmal kräftig hilft wenn ich kurz davor bin die Kontrolle über mein inneres Chi zu verlieren. Und mit Chi meine ich meinen inneren Frieden, nicht irgendein neues High Society Starbucks Getränk.
Oft verspüre ich, völlig unbegründet, eine tiefe innere Wut. Wenn mich dann jemand pisackt, da reichen ein paar böse Wörter oder kleine Schubser, fängt die Zeitbombe zu ticken an. Vorsicht, vorsicht, bitte begeben sie sich in eine sichere Zone. Ich explodiere recht häufig, beruhige mich aber ebenso schnell. Das Problem ist dabei, dass ich dann ziemlich gemein werden kann, verbal versteht sich. Körperlich hau ich nämlich öfter mal gegen eine Wand, kneif mir in mein Bein um keinen Tobsuchtsanfall zu bekommen, oder knall extra laut mit der Tür. Da hilft auch kein Schönreden ala „Bei mir dauert es eine Weile bis ich wütend werde!“, oder „Ich bin halt der impulsive Typ!“ Nö. Ich bin ein kleiner Vulkan der ständig brodelt und zischt und irgendwann überschäumt und Chaos macht. Nicht dass ihr mich falsch versteht, ich bin da echt nicht solz drauf und wünschte mir manchmal, die Engelsgeduld einer Erzieherin, Mama oder Krankenschwester zu haben. Hab ich sogar schon versucht mir anzutrainieren, nur um dann noch mehr auszuflippen. Mein Nervenkostüm hat prinzipiell einen Rüschenrock an und lacht mich aus. Ich kann weder Mandalas ausmalen weil ich die Krise bekomme wenn ich über den Rand komme, langes Spaziergehen hilft nicht weil mir die lange Socke zu warm ist und mir die Sneakersocke langsam von Knöchel rutscht. (ULTRA HASS!) Versuchen mich in einen ruhigen Raum zu setzen und ein paar mal tief ein und auszuatmen klappt nicht, da ich meine Wut abbauen muss- sonst staut sich dass alles an. Egal was ich tue, erst wenn ich einmal richtig geweint oder gemeckert habe ist es wieder gut. Ich bin schnell wieder auf einem humanen Level, aber eben auch schnell wieder weit entfernt davon. Im Allgemeinen hab ich das Gefühl, in Momenten der Klarheit, ein sehr Gefühlskelenkter Mensch zu sein. Ich bin schnell traurig, schnell mit kleinen Dingen glücklich zu machen, (Das ist absolut positiv, selbst der mitgebrachte Donut macht mich dann super glücklich. Aber gut, es ist ein Donut, was stell ich das eigentlich in Frage?!) Bei mir geht jede Gefühlsregung immer sehr schnell in die Extreme. Manchmal blöd. Manchmal toll. Vor einigen Zeiten hab ich darüber sehr intensive Gespräche geführt, vor allem weil meine Wut mir oft auch ein großes Hindernis ist. Ein Hindernis, welches es zu überwinden gilt. Ich habe mich immer für zu sensibel gehalten, oder einfach durchgeknallt. Und das ist so falsch. Meine Wut ist nichts Schlimmes, sie ist ein Teil von mir. Aber eben einfach der größere Teil. Vor allem rührt sie daher dass ich oft einfach mit mir selbst nicht klar komme, wütend auf mich bin, innerlich unzufrieden. Das weiß ich jetzt, und seitdem ich das weiß komme ich besser zurecht. Ich bin nicht von Natur aus wütend, die Erfahrungen und damalige Problematiken haben mich dazu gebracht. Die Angst davor die Kontrolle zu verlieren macht mich böse. Und ich muss nicht wütend sein, ich muss nicht weinen oder schreien. Ich kann die Wut auch einfach Wut sein lassen und in ein besseres Gefühl umwandeln. Negative Dinge werden sich nie in schöne Sachen umwandeln lassen, aber ich kann sie auf jeden Fall kontrollieren, sie zu meinen Gunsten lenken. Wenn mich etwas wütend macht schlage ich nicht mehr wie wild um mich, sondern gehe raus und renne. Ein positiver Aspekt ist übrigens dass ich mal Sport mache, aber vor allem verraucht sie dann. Ich gehe zum Handballfeld und werfe ein paar Tore, so doll wie ich nur kann. (Hab mir dabei fast selbst die Nase gebrochen, es war also wirklich doll!) Ich wandle meine Wut in etwas Gutes um. Danach ist sie meistens weg, oder ich so kaputt dass ich keine Lust mehr habe mich aufzuregen. In den meisten Fällen jedoch schreibe ich. Das verschafft mir immer die nötige Luft um mich abzureagieren. In meiner heutigen Nachtschicht zB. da war auch eine Situation die mich sehr, sehr wütend gemacht hat. Doch bevor ich jemanden aufs Dach gestiegen bin, hab ich mich jetzt hier hingesetzt und meinen Gnom etwas weggeschrieben. Jetzt kann ich wieder atmen und ich bin nicht ausgeflippt. Also, auf jeden Fall weniger als sonst. Ehrenwort.
Meine Wutflusi wird sicher immer da sein, aber ich lerne sie zu beherrschen. Nicht nur für Andere, sondern für mich. Meine Wut ist mir so oft ein Klotz am Bein. Doch ich hab Hammer und Meißel ausgepackt, damit das Ding verkleinert wird. Und ich mich wieder etwas mehr leiden kann. Die Wut macht nämlich nicht nur böse, sondern auch hässlich!

„Musst du wirklich schon los?“

Mein Handy blinkt auf, eine neue Nachricht von dir. „Was machst du so?“, fragst du. Und ich antworte, wie immer. Dabei fehlt mir dein Gesicht, deine Mimik und dieses vertraute Blitzen in den Augen, immer dann, wenn dir der Schalk im Nacken sitzt.
Du fehlst mir, Bauchwehfehlen. Und ich hasse das, nach all der langen Zeit dir wir schon getrennt von einander sind, hab ich mich immernoch nicht an die Einsamkeit gewöhnt die mich umfängt, wenn ich unsere gemeinsame Wohnung betrete. In der ich im Endeffekt alleine lebe. Alle paar Wochen kommst du zu Besuch, dann schwappe ich über vor Liebe und Freude. Nur damit du 24 Stunden später wieder fährst und ein Loch hinterlässt.Ich hasse unsere Fernbeziehung, und doch hab ich dich damit noch mehr schätzen gelernt.

Ich nehme dich nicht mehr für selbstverständlich, schon lange nicht mehr. Die Zeit dir wir zusammen verbringen sind die besten Momente, keine Eintönigkeit, weil wir gar nicht die Chance dazu bekommen uns auf die Nerven zu fallen. Und doch ist es genau das, was ich mir wünsche. Dieses tägliche Zusammensein. Kleine, alltägliche Rituale. Zusammen frühstücken, Abendbrot essen, mit lauter Musik durch die Wohnung tanzen. Ich möchte uns, jeden Tag. Nicht nur alle paar Wochen für ein paar Stunden. In denen wir dann auch noch Freunde, Familie und Freizeit unterbringen müssen. Dabei möche ich mich am liebsten mit dir verstecken, nur wir zwei und diese wenigen Momente. Deswegen halte ich dann deine Hand noch fester, umarme dich etwas länger und genieße es, wenn du noch schläfst und ich eher wach bin als du. Ein ungestörter, friedlicher Augenblick.
Ich mag das Gefühl von Aufgeregtheit, immer dann, wenn ich dich abhole vom Bahnhof. Du fällst mir sofort auf in den Menschenmassen, dann macht mein Herz einen riesigen Sprung und bin ganz nervös. Diese Treffen haben etwas „erstes Date“ mäßiges an sich. Doch so schön wie es ist wenn du ankommst, tausendmal schlimmer ist es wenn du fährst. Der letzte Abschiedskuss, eine Umarmung. Wieder bist du weg, die Wohnung zu groß für mich alleine. Auch nach all der Zeit sitze ich weinend in der Bahn, fühle mich ein bisschen taub. Wie kann ein Tag nur so schnell vorbei sein? Wo ist mein Zeitumkehrer? Wo sind meine Gläser, damit ich alle Momente zwischen uns verschließen und nochmal erleben darf? Du fehlst mir wahnsinng. Ich kann es kaum erwarten, die Zeiten in denen du jeden Abend Heim kommst und mir von deinem Tag berichtest. Und mich dann aufziehst mit einer belanglosen Sache. Und dann werd ich dich ansehen, zufrieden sein, weil wir das hinter uns haben. Dann bin ich angekommen. Bei dir, bei uns.