Mein eigenes, kleines Monster.

Ich komme heim und du sitzt auf unserer Couch. Den ganzen Tag schon wartest du auf mich, hast gespürt dass ich einen schlechten Tag hatte um dich dann, wie immer, bei mir breit zu machen. Also setze ich mich neben dich, du begrüßt mich schon nicht mehr. Seit vielen, vielen Jahren spielen wir dieses altbekannte Spiel. Und ich hab nie eine Chance, du gewinnst immer. Nicht weil du betrügst oder schummelst, sondern weil du stärker und hartnäckiger als ich bist. Du bist fest in meinem Alltag integriert, und egal was ich tue. Du begleitest mich.

Wenn ich die Pizza öffne stehst du bereits neben mir, klopfst mir auf den Hinterkopf und flüsterst, leise und gemein: „Bist du sicher dass du das vertragen kannst? Ein bisschen Obst reicht doch sicher!“ Also mach ich den Ofen aus, fühle mich schlecht und esse einfach gar nichts. Vor dem Spiegel stehst du neben mir, betrachtest mich, piekst mir in die Hüfte. Ich schäme mich und fühle mich unwohl. Wenn ich mich mit jemanden unterhalten möchte, verbietest du mir den Mund. Machst dass ich unsinnige Dinge sage, mich blamiere und dann den Mund von alleine halte. Du brauchst zu viel Aufmerksamkeit, so dass ich mich auf nichts anderes konzentrieren kann.

Beim shoppen lachst du mich aus, dafür dass ich keine 34 trage. Flüsterst in meinem Kopf ich solle es doch lieber lassen, es sähe eh nichts gut an mir aus.
Wenn ich streite, schreist du laut mit. Verstärkst meine Stimme und lässt die Tränen schneller laufen. Ich hasse dich dafür, und trotzdem verlasse ich dich nicht. Du unterstützt meine Sturheit, hinderst mich am entschuldigen. Du redest mir ein, ungeliebt zu sein, nicht gebraucht zu werden. Bist der Meinung ich verdiene keine Liebe, du würdest schließlich die Einzige sein die mich versteht. Du hinderst mich am schlafen, füllst meinen Kopf mit düsteren Gedanken, schrecklichen Szenarien. Du reißt mich nieder und lässt mich in diesem verdammten Loch. Du machst mir Vorwürfe, redest mir Schuldgefühle ein und ich kann mich kaum noch kontrollieren. Du lähmst mich, an der Stelle wo mein Herz schlägt lässt du es nur noch dumpf klingen. Ich bekomme schlecht Luft und du drückst das Kissen noch fester auf mein Gesicht. Jedes mal reißt du alte Wunden auf, lässt mich den längst vergessenen Schmerz erneut spüren. Du gibst mir die Schuld an deiner Anwesenheit. Und ich glaube dir. Wegen dir mag ich keine Berührungen, höre die lieben Worte der Anderen nicht und bin ganz auf dich fokussiert. Tagelang lässt du mich weinen, sitzt nur neben mir und lachst. Deine Stimme ist lauter als alles, deine Anwesenheit präsenter als jede andere. Und ich hasse dich so sehr, hasse das was du machst, aus mir machst. Und dann hasse ich mich, hasse meinen Körper, meine Gefühle und das Gefühl der Leere.

Ich flehe dich an zu gehen, stundenlang. Du bist nicht bestechlich, im Gegenteil. Du kratzt, beißt und hältst dich an mir fest. Unerschütterlich. Bis du ganz alleine entschieden hast zu gehen. Vorschriften gibt es für dich nicht.
Und dann setz ich mich auf die Couch und du bist weg. Vielleicht machst du nur einen Spaziergang für die nächsten 20 Minuten. Vielleicht machst du auch gerade eine kleine Rundreise bei Anderen, kommst erst in 5 Tagen wieder. Natürlich ohne Kuchen und anklopfen. Schließlich hast du den Schlüssel, Zugriff auf alles. Ich hasse dich. Ich fürchte dich. Und manchmal fürchte ich, du gehst nie weg. Du bist schon so lange da. Stammgast. Ohne Miete zu bezahlen. Ich wünsche mir so sehr du würdest gehen, dauerhaft. Hab ich da ein Lachen gehört?
Du siehst aus wie ich, bewegst dich wie ich. Man hat dich Depression getauft, ich nenne dich jedes Mal anders. Versuche dir ein Gesicht zu geben, damit ich besser mit dir umgehen kann. Vergebens.

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7 Gedanken zu “Mein eigenes, kleines Monster.

  1. Meine Liebe, seit kurzem folge ich dir auf Instagram und jetzt besuche ich zum ersten Mal deinen Blog und bin so berührt, dass ich gar nicht weiß, wie ich mich ausdrücken soll. Deine Worte haben mich zutiefst berührt. Deine Sicht, deine Art, wie du das beschreibst…du bist unglaublich toll und ich wünsche dir aus vollstem Herzen dass das Monster verschwindet…es den Schlüssel verliert und nie wieder kommt…meins ist verschwunden…ich weiß, wie du fühlst…ich schicke dir eine Umarmung und alles Glück der Welt für dich!!!

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  2. Auch ich folge dir seit kurzem bei Instagram und liege gerade im Bett und hab zum ersten Mal deine Texte hier gelesen. Und dieser spricht mich besonders an. Ich würde ihn am liebsten ausdrucken und aufhängen. Du hast dieses Gefühl so toll in Worte gefasst. Auch ich weiß nur zu gut wie es sich mit so einem Monster leben lässt und wie schwer man es wieder los bekommt. Und selbst wenn es mal geht, irgendwann, meist wenn man es nicht erwartet, klopft es wieder an und stößt dich in ein Loch!

    Ich hoffe auf viele weitere wunderschöne Texte von dir! Schön, dass es solche Menschen wie dich gibt!

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  3. Dieser Text hat mich auch unheimlich berührt. Bei mir wohnt zum Glück kein so ein schreckliches Monster, aber ich denke Menschen ohne Monster können sich nun besser vorstellen wie es ist damit zu leben. Das ist der beste Text den ich je über dieses Thema gelesen hab und ich denke, dass viele, die unter Depressionen leiden,dich bejubeln werden, weil du endlich geschafft hast zu erklären wie sich das anfühlt.
    Du hast einen wundervollen Schreibstil der einen direkt ins Herz trifft!

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  4. Ich bin tief berührt. Ich kenne all die Gefühle, die Gehässigkeit, die Zweifel, die Trauer, die Leere, die ganzen Gefühle die einen erdrücken. Ich kenn das Ding das sie Depression nennen und das sich nachts in deine Gedanken krallt und der Welt die Farbe nimmt. Ich hab auch so ein Monster, das hat man immer. Aber meines ist kleiner geworden. Hat ein Gesicht, einen Namen und bringt sogar Kuchen mit.

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  5. Sowas kann man nur schreiben, wenn man es wirklich erlebt. Tagtäglich.
    Ich verstehe jede Zeile und weiß so genau wie du dich fühlst. Es ist schön mal etwas so authentisches darüber zu lesen, du hast einfach absolutes Talent.

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  6. Auch ich hatte Besuch von meinem Monster, vor 2 Jahren. Ohne Kuchen, ohne Blumen, dafür mit widerlicher Härte und lähmender Angst. Ich weiß wie es dir geht, und glaub mir, wenn du willst, kannst du ihr den Schlüssel nehmen. Ich hab es auch geschafft, mit Hilfe , teurer hilft, aber jeden Cent wert. Die Schulmedizin kann da meiner Meinung nach nicht mithalten.
    #Heilpraktiker
    Wir sind was besonderes, Menschen mit Herz, wir sind nicht krank, bei uns ist nur viel los, zu viel als das wir es alleine bewältigen könnten.
    Keep going my dear. Du bist wundervoll

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