Tintenturnschuh.

Als du über uns eingezogen bist war ich aufgeregt. Ein neues Mädchen im Haus, und dann auch noch in meinem Alter. Es hat nicht lange gedauert und dann standest du vor mir. Ein bisschen kleiner als ich, braune Haare, große Augen. Das erste „Hallo“, danach war es beschlossene Sache. Seit diesem Tag waren wir ein Team. Jeder wusste sofort, uns gibts nur im Doppelpack. Wir haben alles geteilt, Geheimnisse, die erste Zigarette und all die Gedanken die man mit niemand anderen teilt, außer der besten Freundin. Meine Mama hat dich bald als neues Kind adoptiert, wir brauchten nicht mehr fragen wenn wir bei dem anderen übernachten wollten. Wir durften einfach, ein „Nein“ hätten wir niemals akzeptiert. Und anstatt uns, nach all diesen gemeinsamen Tagen, auf die Nerven zu gehen, sind wir aneinander gewachsen. Sind noch besser und noch größer zusammen geworden. Wir kannten uns, uns verband eine tiefe und ehrliche Freundschaft. Ich war ich, und du hast mich genauso genommen. Dafür liebe ich dich. Unsere einstudierten Tänze, selbst ausgedachten Lieder, geheimen Codes, all das gehörte zu uns. Die endlosen Fußmärsche zu McDonalds, die Fahrradtouren zum Inselsee. Wenn ich mich in meiner alten Stadt so umgucke, dann erinnert mich alles an dich. Das rosa Graffiti unter der Brücke am Paradiesweg, die beschrieben Krankenhauswand, unsere Kürzel die mal hier, mal dort standen. Tausend Bilder, noch mehr Wörter, und überall eigentlich du. Du hast mich nicht ausgelacht wenn ich heulend vor eurer Tür stand, weil meine Brüder Idioten waren. Du warst immer da. Ganz egal wann. Du hast geweint als ich nach Dresden zog, wir haben schon Tage davor geweint. Und dann war ich weg, und du warst nicht dabei. Und irgendwie hat uns das auseinander getrieben. Wir waren keine Einheit, und das hat mich jeden Tag aufs Neue zerrissen. Erst Jahre später, nach all dieser ewigen Zeit die vergangen war, hast du mich erneut gefunden. Und am Telefon, so mitten in der Nacht, haben wir gelacht, wie damals. Als ob niemals Zeit vergangen wäre. Wir haben uns gemeinsam erinnert, und als wir auflegten hab ich eine ganze Weile geweint. Darüber wieder komplett zu sein, über die Gewissheit dass es dir genauso ergangen war. Und Wochen später standest du wieder vor mir, braune Haare, immernoch ein wenig kleiner als ich und deine großen Augen. Wir haben kein „Hallo“ gebraucht, wir haben uns umarmt. Wie früher, wie immer.

Ich erinnere mich an die zerplatzten Tintenpatronen, meine Schuhe waren blau. Ich erinnere mich an dein Lachen, über mein Gesicht. Ich erinnere mich an uns. Das Beste was ich hatte. Und was ich endlich wieder haben darf. Und ich bin nicht überrascht dass aus dir eine unglaublich schöne und starke Frau geworden ist. Auch wenn ich den Weg bis dahin kurz unterbrochen hatte, so bin ich nicht traurig. Denn ab jetzt bin ich wieder dabei. Mehr als vorher, und viel viel dankbarer.
Unsere kleine Einheit ist zurück.

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