Wie bin ich da reingeraten?

„Ich glaube ich hab mich verliebt. Es ist so großartig mit diesem Menschen zu sein. Er hat mich gestern gefragt ob wir zusammen sein möchten und mein Herz hat bis zum Hals geklopft. Er ist der Richtige, ich weiß es. Andauernd macht er mir  Komplimente, schreibt mir süße Nachrichten und ich fühle mich gut in seiner Nähe.

Wir sind schon ein halbes Jahr zusammen und es läuft toll. Er hat mir gesagt, dass er mich liebt und natürlich habe ich erwidert. Ich liebe diesen Mann und ich möchte nichts lieber als ihn glücklich machen. Klar führen wir auch unsere Diskussionen, er möchte zB. nicht, dass ich mich so häufig mit meinen Freunden treffe. Aber damit komm ich klar. Ich bin lieber bei ihm. Er tut mir so gut.

Gestern hatten wir wirklich einen schlimmen Streit. Momenan ist es so warm draußen, dass selbst eine kurze Hose sich wie zu viel Stoff anfühlt. Als er mich in der Stadt mit meiner Freundin gesehen hat, ist er total ausgeflippt. Er hat mich vor den ganzen fremden Leuten am Arm gepackt und mich angeschrien. Ich weiß, er mag das nicht wenn mich andere Jungs anschauen. Aber es ist so warm. Wir haben uns jetzt geeinigt. Ich werde nur noch lange Hosen anziehen. Er ist einfach eifersüchtig und überfürsorglich.

Ich dachte wir hätten uns vertragen, allerdings hatten wir wieder Zoff. Ich wollte feiern gehen, den Abend mit meinen Freunden genießen. Ich hab sie alle so lange nicht gesehen. Aber er hat die Tür abgesperrt und wollte mich nicht gehen lassen. Hat keinen Ton gesagt aber er sah sehr wütend aus. Mein Handy hat er mir weggenommen. Ich konnte nicht feiern gehen und natürlich sind jetzt alle wütend auf mich. Aber heute Morgen hat er sich entschuldigt, das war echt lieb von ihm. Das werden meine Freunde sicher verstehen.

Er ist so eifersüchtig. Ich weiß, er liebt mich. Aber er lässt mich mit niemandem mehr weg gehen. Er unterstellt mir fremd zu gehen. Das würde ich niemals machen. Warum vertraut er mir nicht? Ich zeige ihm anscheinend noch nicht genug wie sehr ich ihn liebe.

Heute war ein schlimmer Tag. Ich dachte wirklich er würde sich bessern. Aber als ich ihm vorhin widersprochen habe, hat er ausgeholt und mir ins Gesicht geschlagen. Mit der flachen Hand. Es tat nicht besonders weh, aber der Schock war groß. Ich muss mich mehr anstrengen.

Er hat sich entschuldigt und gesagt es passiert nie wieder. Ich bin so froh, dass alles wieder gut ist. Ich bin aber auch selbst Schuld, warum kann ich meine groß Klappe nicht halten?

Ich lag falsch. Nicht hat sich geändert. Heute musste ich zum Arzt. Er hat mir im Streit mein Handgelenk verstaucht und ich habe einen riesigen blauen Fleck am Hals. Man sieht ganz genau wo seine Finger lagen. Wie soll ich das jemandem erklären?

Es wird immer schlimmer, ich traue mich kaum noch aus dem Haus. Er wird sofort handgreiflich, schreit mich an. Ich weiß nicht was schlimmer ist, der körperliche oder der psychische Schmerz? Keiner meiner Freunde redet mehr mit mir. Ich hab niemanden außer ihn.

Ich würde so gerne gehen, aber ich trau mich nicht. Ich bin komplett alleine. Und das weiß er auch. Niemals hätte ich gedacht, dass er so ist. Er war so lieb, hat mir immer Komplimente gemacht. Ich dachte ich wäre verliebt. Aber ich bin abhängig von einem Menschen den ich hasse.“

 

Irrungen.

Kennst du das?

Laufen, laufen, laufen und trotz tausender Schritte niemals ankommen. Jede Biegung schon zig Mal genommen, jede Lichtung entdeckt, jede Höhle erforscht und du bist doch niemals wirklich da. Dein Selbst in mehrere Teile zerstreut, den Kopf in den Wolken, das Herz irgendwo vergraben, die Karte dahin schon vor Meilen verloren. Die Monster unter dem Bett, im Kopf und an jeder Ecke. Kannst nicht mehr sagen wann Tag und Nacht ist. Du stehst ganz am Anfang, dabei zerbersten deine Lungen schon fast, weil du schon ewig unterwegs bist. Du bist getrieben und du weißt nicht mal was da hinter dir her ist. Vielleicht verfolgst du dich selbst. Alles zu laut, gleichzeitig zu leise. Die Beschilderung kaputt, ein Labyrinth und an allen Ecken nur Sackgasse. Dunkelheit. Blendendes Licht.

Ich kämpfe mit meinen Gedanken um zu beschreiben, wie es mir die letzten Jahre oft ging. Das es nur wenige Momente gab, in denen ich mich nicht gejagt gefühlt habe. In denen ich bewusst genießen konnte, ohne Selbstzweifel, ohne Angst, ohne die Monster. Ich hab lange nicht verstanden, dass ich mich nicht alleine schützen muss. Dass ich Schutz von außen zulassen darf, muss. Dass ich vielleicht gar nicht von etwas Schlechtem verfolgt werde, sondern von Menschen dir mir versuchen zu helfen. Ein selbst aufgebautes Schutzschild ist schön und gut, solange es dich beschützt. Meins hat mich abgeschirmt. Ich bin kein sozialscheuer Mensch, im Gegenteil, allerdings bekam niemals jemand mehr zu sehen als ich es zuließ. Aus Angst? Vor lauter Selbszweifeln? Ich kann es mir selbst gar nicht beantworten. Mittlerweile weiß ich es einfach besser.

Manchmal muss man einfach springen. Und man muss „Ja“ sagen, wenn man bereit ist Hilfe anzunehmen. Wenn man eine Hand gereicht bekommt, wenn der Schutzwall bröckelt, dann ist es okay das nicht alles alleine zu machen. Egal in welcher Form man sich Hilfe sucht. Oder stehen bleibt und sieht das Hilfe unterwegs ist.Nein du musst nicht alleine stark sein, du darfst in einer anderen Umarmung zusammen brechen, dich aufbauen lassen und dann wieder weinen. Wenn du deinen Kopf auf einer Schulter ablegen kannst wird es sehr viel leichter sein mit den Problemen umzugehen. Ein zweites Schutzschild. Nimm Hilfe an wenn du bereit bist. Kein Schmerz dieser Welt muss alleine ausgehalten werden. Das Sprichwort „Doppeltes Leid, ist halbes Leid.“, ist keine doofe Floskel.

Bleib endlich stehen. Da ist Hilfe unterwegs, jemand mit einer Leiter. Damit du nicht mehr in diesem verdammten Labyrinth fest sitzt.

Zu wenig Zeit.

Als ich gestern mit meiner Mutter telefoniert habe, da war ich mir so sicher, dass deine Stimme im Hintergrund auftaucht und laut dazwischen ruft. Mich fragt wann ich denn mal wieder vorbei komme.

Und dann traf es mich erneut. Jeden Tag gibt es einen bestimmten Moment, meist kurz vor dem schlafen. Dieser eine Moment der mir sagt „er ist weg“. Und dann bin ich für ein paar Minuten wie betäubt. Weil du mich nicht begleiten wirst, weil du meine Mutter nicht begleiten wirst. Weil du ein Loch in diese Familie gerissen hast. Wird das jemals aufhören? Werden wir jemals aufhören deinen Namen zu flüstern, auf leisen Sohlen durch das Haus zu gehen? Ich hoffe es so sehr. Gleichzeitig habe ich panische Angst davor, dass du vergessen wirst. Dein Name nicht mehr fällt.

Du warst so unbeugsam, ein Fels, eine Eiche. Stark, unerschütterlich, menschlich. Wir haben dich nicht nur geliebt, wir haben dich geschätzt. Für deine Engstirnigkeit, deine Ehrlichkeit und dein Wort. Dein Wort. Deine raue Stimme, mal leise, mal laut. Durch die vielen Episoden deines Lebens so klug, mal sarkastisch. Du hattest mehr als neun Leben, dachten wir. Du hattest dieses Glück genauso verdient wie wir. Ich hoffe du hast das gespürt, hast gespürt, dass wir da waren. Deine Hand gehalten haben, als deine Organe versagt haben, als dein Herz aufgehört hat zu schlagen. Du hattest noch so viel Zeit, dachten wir. 45 Jahre. Vorbei. Wir hatten nicht genug Zeit.

Du hast dich nie als Ersatzvater beworben, bist es eben genau deswegen geworden. Vielleicht nicht mehr die kleine Tochter dessen Schaukel man anschubst, aber die Tochter die mit dir in der Küche steht, Bier trinkt und über den Traktor redet. Vielleicht nicht der Vater der beim Handball am Feldrand gestanden hat und mich bejubelt hat, aber der Vater, der mir Verteidigungsgriffe zeigt, meinen Freund als Schwiegersohn akzeptiert und mich zum Altar führen sollte. Wir hatten zu wenig Zeit. Du solltest doch der coole Opa mit Strohhut sein, der mit meinen Kindern in der Werkstatt steht und bastelt. Der mit seinem Enkel das erste Bier trinkt und ihn heimlich nippen lässt, weil Opas sowas nunmal tun. Du solltest mich belehren, solltest mich in Schutz nehmen. Wir hatten nicht genug Zeit.

Du solltest meine Mutter begleiten, alt werden mit dieser Frau und später mit ihr zusammen senil werden und dann, wenn die Zeit gekommen wäre, gemeinsam gehen. Stattdessen ist sie jetzt alleine, wieder alleine. Ich weiß du wolltest das nicht, bist nicht freiwillig gegangen. Doch das ändert nichts an der Tatsache. Ändert nichts daran, dass sie keine Eiche mehr hat, keine Schulter zum anlehnen. Wenn mein Schmerz schon so übergreifend ist, wie muss es dann wohl in ihr aussehen? Wir reden über dich, aber immer mit Bedacht. Keiner spricht aus, dass wir dich vermissen. Denn dann müssten wir zugeben, dass du nicht von der Arbeit heimkehrst. Wir hatten zu wenig Zeit.

Als ich gestern mit meiner Mutter telefoniert habe, da war ich mir so sicher, dass deine Stimme im Hintergrund auftaucht und laut dazwischen ruft. Doch du kehrst nie wieder, lachst nie wieder. Da wo eine Eiche war, da sind nur noch Wurzeln. Wir sind taub. Wir sind blind vor Trauer. Wir hatten zu wenig Zeit.

 

Das hier ist anders.

„Ich hab mir ein Ticket gekauft. Und ich werde nicht wieder kommen.“, sagst du mir an unserem gemeinsamen Abend. Der letzte, so wie es nun schien. „Was für ein Ticket?“, erwidere ich stutzig, der Kloß in meinem Hals lässt mich schwer atmen. „Ich muss hier weg. Ich kann nicht bleiben, das wusstest du doch oder?“ Klar wusste ich das, ich hab damit gerechnet und gebetet, dass du doch bleibst, ich dich überreden könne. Doch dir reicht der Platz in meiner kleinen 1-Zimmer Wohnung nicht. Du brauchst viel mehr Luft, so warst du schon immer. 20qm sind zu klein, dir gehört die Welt. Und ich hasse dich dafür. Du kommst und du gehst, so ist es schon seit Jahren. Ich kann dir nicht in die Augen schauen, denn da würde ich etwas suchen, was ich nie finde. Die Augen brennen, meine Hände zittern. „Bitte bleib!“ Es ist das erste Mal, dass ich dich bitte an meiner Seite zu verharren, innerlich bereite ich mich schon auf die Abfuhr vor. „Ich muss gehen.“ Und da ist sie. Es ist ein bisschen wie ein Schlag ins Gesicht, ohne Spuren.

Am nächsten Tag bring ich dich zum Flughafen. Dein Flug geht ans andere Ende der Welt und du lässt mich tatsächlich hier. Bis zum Schluss warte ich, dass du „Überraschung“, schreist. Noch ein weiteres Ticket zum Vorschein bringst und mir erzählst, dass du mich mitnimmst. Oder wenigstens zurück kommst. Doch es fühlt sich nicht so an wie die letzten Male, das hier ist für immer. Für immer ohne dich. Meine Sicht ist betrübt, die Tränen bahnen sich den Weg.

Du hälst meine Hand, ich versuche das Gefühl in mir aufzusaugen. Deine Haut ist weich, wie oft hast du mich damit berührt? Mal flüchtig, mal mit voller Absicht. Deine Lippen sind ein bisschen eingerissen, wie oft hast du mich damit schon geküsst? Auf den Hals, auf den Kopf, auf den Mund. Noch mehr Tränen. Du starrst mich an, graue Augen, gelbe Flecken. Wie oft hast du mich schon so angeschaut? Mal wütend, mal spöttisch. Du bleibst stehen, ziehst mich zurück. Ich blicke zu Boden, noch mehr Tränen. „Hey.“, flüsterst du, nimmst mich in den Arm. Ich spüre dein Herz klopfen. Wie oft standen wir schon so da? Als Wilkommensgeste, zur Versöhnung. Niemals so wie heute, niemals hatten wir diesen endgültigen Abschied. Da war immer Hoffnung, immer ein Funke. Heute ist alles schwarz, da ist kein Licht. Nur dieses Loch, nur du und ich und dein verdammtes Ticket.

Und dann verschwindest du. Sagst kein Wort zum Abschied, denn nichts würde ausreichen, kein Ton würde hier genügen. Dein Blick trifft mich, ein letztes Mal. Dieses Mal liegt Wehmut darin. Ein Abschied der längst überfällig war, das wissen wir beide.

Du hast dir ein Ticket gekauft. Bist nie wieder gekommen.

Alles wie immer.

Alles wie immer. Aufstehen, anziehen, Zähne putzen, Frühstück essen, Schlüssel einpacken, aufs Fahrrad und zur Schule. Alle stehen noch in der Kälte, unterhalten sich über die bevorstehende Klassenarbeit in Mathe. Bei diesem Gedanken wird mir schlecht, bitte nicht Mathe. Alles ist wie immer.

Die Mathearbeit läuft wie gedacht, hoffentlich hab ich wenigstens 50% richtig.
Große Pause, über den Schulhof laufen und sich dazugehörig fühlen. Dann kurz in die Cafeteria, Donut teilen und im Warmen sitzen. Reden mit meinen Freunden, vor allem über Jungs. Ich will nicht mit der Sprache rausrücken in wen ich verliebt bin. Aber eigentlich wissen es alle. Alles ist wie immer.

Schulschluss, aufs Fahrrad und nach Hause. Niemand da. Essen. Wieder raus. Morgen würde ich behaupten ich hätte meine Hausaufgaben vergessen. Hoch zum Diestelberg, Treffpunkt wie immer. Rumsitzen, Zeit verplempern und Musik über Bluetooth verschicken. Alles ist wie immer.

Nach Hause fahren wenn es dunkel wird. Meine Mutter in der Küche vorfinden. Tränenüberströmt. „Wir ziehen um.“ Alles ist wie immer- alles wird sich verändern.

Der Abschied kommt wie immer zu schnell. Abschiedsgeschenke, Tränen, Versprechungen und Umarmungen. Ich steige ins Auto, hab es noch nicht realisiert. Neben mir liegt die Hansajacke, daneben eine Kiste voll mit meinem Kram. Mein ganzes Leben musste in eine Kiste passen. Briefe, Bilder, noch mehr Briefe. Alles ist wie immer.

Eine leere Wohnung, ohne Möbel, nur der Balkon und zwei Stühle aus Plastik. Wochenlang leben wir minimal. Die Sommertage sind lang, doch nicht lang genug. Erster Schultag in der neuen Klasse. Keine Akzeptanz. Es dauert Wochen bis ich zurecht komme. Alles dreht sich um das furchtbare Gefühl in meiner Brust. Alles ist wie immer.

Freunde finden gestaltet sich schwierig. Vertrauensängste, Lügen, Mädchenkram. Panikattacken in meinem düsteren Zimmer, nur die unbequeme Matratze. Nebenan Gelächter, du hast dich schon eingelebt. Ich lebe nur noch in den Tag. Alles ist wie immer.

Endlich die Möbel, es wird wohnlich. Nichts passt zueinander, aber das macht uns aus. Spiegelt uns wieder. Ich passe nicht zur Einrichtung, passe nicht in diese Stadt. Fernbeziehung, Tränen, lange Zugfahrten um kurz Zuhause zu sein. Alles ist wie immer.

Herbst, Winter, Frühling, Sommer. Die Jahre vergehen und ich habe mich angepasst. Habe wieder verloren, wieder „Lebewohl“ gesagt. Ich bin wütend, auf dich, auf jeden. Vor allem auf mich. Auf meine Angst vor Unbekanntem, vor dem Aufregendem. Ich will nichts Neues, ich will das alte Vertraute. Will das Backsteinhaus, die Fahrradtouren zum Inselsee und meine alten Freunde. Ich habe mich angepasst. Alles ist wie immer.

Jetzt geh ich zurück. Nach Jahren des Heimwehs, dem Wellenrauschen im Herz. Der Großstadt, den Kleinstädten, den Umzügen, den Tränen und den Abschieden. Jetzt geh ich endlich wieder dahin wo ich herkomme. Wurzeln schlagen wo schon längst welche sind. Hier ist nichts wie immer. Hier fängt es endlich an.

Ein flüchtiges Gefühl.

Als ich heute Morgen aufgewacht bin war etwas anders, ich kann noch nicht sagen was genau. Aber in meinen Zehenspitzen spüre ich ein leichtes Prickeln, mein Kopf fühlt sich ganz leicht an. Mein Herz schwebt. Alles geht mir leicht von der Hand, beim morgendlichen Lauf schaffe ich mehr als sonst und selbst das Wasser schmeckt besser.

Ich lache mehr als sonst, bin unbeschwert und kann durchatmen. Die letzten Wochen fühlten sich erdrückend an. Etwas lag mir so sehr auf der Brust, dass ich kaum  Luft bekam. Doch jetzt ist das Gewicht weg, mein Herz hat Platz um in der Brust zu schlagen, um sich endlich zu befreien. Es fühlt sich an wie Glück, aber ich möchte es nicht laut aussprechen, zu flüchtig dieses Wort, zu vergänglich das Gefühl. Aber vielleicht ja doch..

Die Musik laut aufgedreht, die Füße schneller als der Kopf. Die Sonne scheint, endlich Wärme. Endlich Licht. Wie hab ich das vermisst, die Sonnenstrahlen, die dünne Jacke, die großen Sommermomente. Ich mache alleine einen Spaziergang, heute kann ich gut alleine sein. Ich lächle, nicht für Andere. Heute lächle ich für mich. Um mir zu beweisen, dass ich das noch kann. Mein Gesicht spannt, ich hab schon lange nicht mehr gelächelt. Es fühlt sich schön an.

Mein Gesicht ist warm, auf der Zunge liegt ein Geschmack von absoluter Zufriedenheit. Zufriedenheit schmeckt süß, schmeckt nach mehr. Macht süchtig. Zufriedenheit macht abhängig, wie meine liebste Schokolade. Mein Gesicht ist nass, es regnet nicht. Meine Tränen fließen in Strömen an meinen Wangen herunter. Freudentränen, Tränen der Befreiung, Tränen der Freiheit. Seit Monaten, nein Jahren herrscht Druck. Und diesen Morgen hat er sich einfach in Wohlgefallen aufgelöst.

Bin ich Zuhause? Ich weiß es nicht. Vielleicht bin ich noch nicht endgültig angekommen. Aber jetzt, heute, da bin ich es. Meine Füße hinterlassen Spuren im nassen Sand. Die Wellen liegen still, spiegeln mein Gemüt. Vielleicht stürmt es Morgen wieder und die Wellen toben, wie mein Gemüt. Aber erst Morgen. Heute fühlt es sich an wie Zukunft.

Als ich heute Morgen aufgewacht bin war etwas anders. Ist das dieses Glück von dem alle sprechen? Vielleicht. Zu flüchtig. Doch so beruhigend. Es geht mir gut.

 

 

 

Das erste Mal.

„Irgendwie spüre ich es schon seit Tagen.

Das Gefühl zu schweben, mehr Luft als sonst in den Lungen haben. Und ich glaube du merkst es auch. Unsere Beziehung ist an einem neuen Punkt, noch aufregender, noch intensiver. War ich mir meiner Gefühle jemals so sicher? Nein. Heute werde ich das erste
Mal sagen dass ich dich liebe. Ich war schon verliebt, wurde schon geküsst. Aber bis jetzt war kein Kuss so intensiv gewesen wie deiner. Ich hab noch nie geliebt. Bis gestern.

Als du da standest, nur in Jogginghose, und den Tisch für das Frühstück gedeckt hast. Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Du hast dich umgedreht, über meinen blöden Witz gelacht und in mir ist etwas explodiert. Erst konnte ich es nicht beschreiben, wie auch, wenn dieses Gefühl in meiner Brust, in meinem Bauch, so neu war. So ungewohnt. Wir sind schon eine Weile zusammen, aber ab heute sind wir es erst so wirklich. Ich schließe die Augen, atme ein, atme aus. Versuch diesen Funken zu bündeln und abzuspeichern. Obwohl ich das nicht brauche, denn sobald du in meiner Nähe bist kommt es von ganz alleine.

Wie du lachst, schräg zu deiner Musik singst und mir dann zuzwinkerst. Wenn du auf meine Kosten einen Witz machst, ich aus Mitleid lache und du dann schmollst. Wenn du mich so fest umarmst dass alles wieder an seinen Platz gerückt wird. Wie schnell mein Herz schlägt wenn ich deinen Namen auf meinem Handydisplay sehe. Ich mich geborgen fühle, angekommen, heile. Alle diese Momente kommen an diesem einen Punkt zusammen. Von diesen ganzen Millionen Möglichkeiten, die hätten verhindern können dass du so vor mir stehst, hat unser Weg sich getroffen, du hast mich getroffen.

Ich muss lächeln. Wer weiß was noch kommt, vielleicht sind wir ja nicht für immer. Aber jetzt fühl es sich so an. Eine kleine Ewigkeit. Unser für immer, das reicht mir im Moment. Wer weiß wie du gleich reagieren wirst wenn ich dich damit überfalle. Ich möchte nicht auf den perfekten Moment warten um dir das zu sagen. Ich will es dir sofort erzählen, vielleicht auch flüstern. Wir brauchen keinen Moment. Ich brauche die Gegenwart, mit dir darin.

Als ich zu dir ans Bett komme hältst du bereits deine Arme auf. Doch ich bleibe auf der Bettkante sitzen, atme unbeständig. Du schaust mich fragend an, mein Herz rast. „Ich liebe dich.“ Die drei Wörter kommen hastig aus meinem Mund, mehr Luft als alles andere. Also sag ich es nochmal. Und dann sehe ich das Blitzen in deinen Augen. Du erwiderst nichts, aber das war noch nie nötig gewesen. Ich verstehe voll und ganz. Jetzt sind wir angekommen. Hier bei uns.

Vielleicht sind wir ja nicht für immer. Aber jetzt fühlt es sich so an.“