„Du musst jetzt alle weiblichen Pflichten übernehmen“

„Ich spürte ihn schon, noch bevor ich ihn hörte. Es war jedes Mal das selbe perfide Spiel zwischen uns. Er kam jede Nacht, legte sich für eine halbe Stunde in mein Bett und befriedigte seine Gelüste. Danach ging er, schmierte mir am nächsten Morgen mein Pausenbrot und wünschte mir einen tollen Tag. Als ich nach Schulschluss Heim kam taten wir so als wäre alles völlig in Ordnung. Er, damit er sich nicht eingestehen musste, dass das was er da tat völlig verkehrt war. Ich, weil ich es nicht begriffen hatte. Mama war nicht da. Ich sollte sie vertreten. Also tat ich das, was man von mir verlangte.“

Vielleicht werden diejenigen, die mir schon länger bei Instagram folgen diesen Auszug kennen. Ein Auszug aus meinem Buch welches ich geschrieben habe. Ein Buch über schweren sexuellen Missbrauch an einem Kind. Ich habe alle Texte gelöscht und vielleicht werde ich das auch mit diesem hier tun. Auch wenn ich mich gerade bereit dazu fühle, mich sicher genug fühle um all das aufzuschreiben, was mich dazu bringt solche Texte zu verfassen. In den Texten eines Autors, egal wie verrückt sie manchmal klingen mögen, steckt immer etwas von der eigenen Seele, der eigenen Gedanken und der Gefühle. Ich habe in meine Geschichte über Emma geschrieben, aber eigentlich hätte ich auch meinen Namen schreiben können. Diese ganze dramatische Liebesgeschichte drumherum mal aussortiert. Aber die körperliche Züchtigung und der Missbrauch. Das ist nicht meiner begrenzten Fantasie entsprungen.

Jahr für Jahr werden ca. 11.808 Anzeigen wegen Kindesmissbrauchs bei der Polizei aufgegeben. Die Dunkelziffer ist deutlich höher. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO)geht für Deutschland von einer Million betroffener Mädchen und Jungen aus, die sexuelle Gewalt erlebt haben oder erleben. Eine Millionen.
Ich habe im Internet nach Blogs gesucht die dieses Thema öffentlich machen. Ich habe nicht viel gefunden. Viele Zahlen, Vermutungen und auch Nachrichtenausschnitte über verhängte Strafen und Anschuldigungen fand ich. Aber wenig Fakten. Eher viele Telefonnummern und Anlaufstellen für Betroffene und auch Angehörige. Die Opfer reden nicht darüber- und wieso sollten sie auch? Ungläubigkeit ist eine bekannte Reaktion, auch mir gegenüber. Und das ist manchmal noch schlimmer als der Missbrauch an sich. Denn damit wird das Thema weggeschoben, ausgeblendet und teilweise sogar ins Lächerliche gezogen.

Warum jetzt werden sich sicher einige fragen.
Weil ich den Täter mittlerweile angezeigt habe. Über ein Jahrzehnt später hab ich es das erste Mal laut ausgesprochen. Was daraufhin folgte waren Polizeipräsidiumsbesuche, Termine bei meiner Anwältin und viele viele schlaflose Nächte. Fragen ob das die richtige Entscheidung war, ob mir das jetzt überhaupt noch etwas bringt und warum ich das ganze Thema nicht einfach hab sein lassen. Und natürlich Angst. Riesige, erstickende Angst. Dem Täter erneut in die Augen zu blicken. Erneut seine Anwesenheit zu spüren und vor wildfremden Menschen erzählen müssen, was diese Person mir angetan hat. Und dann wäre da noch die Strafe. Die Strafe die in meinem persönlichen Ermessen niemals ausreichen wird. Ich versuche mich stark von diesem Gedanken zu distanzieren und versuche vor allem das Gute für mich darin zu sehen. Ich kann eine Traumatherapie beginnen, vielleicht meine Depressionen in den Griff bekommen und nach den Verhandlungen kann ich mich vielleicht endlich wieder sicher fühlen. Wenn ich auf offener Straße laufe und ein Auto neben mir langsamer wird bekomme ich Herzrasen. Für mich fühlt sich mein ganzer Tag nach Gefahr an und ich habe es so satt. Ich möchte mich nicht länger in dieser Opferrolle sehen. Möchte nicht Nacht für Nacht aufwachen, geweckt von Flashbacks und dann eine Stunde in der Dusche sitzen und das Gefühl haben, mir meine Haut blutig schrubben zu müssen. Ich möchte stark sein. Für mich. Und auch für Andere.

Ich möchte gerne das Schweigen brechen was sich so viele Opfer auferlegt haben. Ich weiß wie verdammt schwer es ist mit jemanden darüber zu reden, wie tief die Scham sitzt. Wie weit die Verdrängung reicht und der Selbsthass. Ich habe jahrelang alles durch eine Art Fenster gesehen. Als ob ich alles nur beobachten würde, nie selbst mit involviert gewesen sei. Erst als vor ein paar Monaten die Bestätigung kam, dass die Gerichtsverhandlungen nun eröffnet seien und ich meinen ersten Termin bekam, erst da hab ich verstanden wie wichtig das ist. Nicht nur für mich. Für andere Betroffene und auch für Angehörige die vielleicht Vermutungen anstellen aber es sich nicht trauen diese laut auszusprechen.

Es gibt viele anonyme Anlaufstellen. Egal ob körperlicher, psychischer oder sexueller Missbrauch. Egal ob online, telefonisch oder direkt als Einrichtung in vielen Städten. Eine persönlich von mir empfohlene Organisation ist der „Weisse Ring“. Dort kann man sich telefonisch, per Mail oder auch persönlich erkundigen und Hilfe holen.

Verdrängung klappt eine ganze Weile ganz gut, vielleicht auch viele Jahre. Aber Traumata die wir niemals behandelt haben, die hängen uns nach. Und das wird irgendwann zurück kommen. Vielleicht später, wenn man eigene Kinder hat und plötzlich dem eigenem Partner nicht mehr vertraut sobald dieser mit den Kindern alleine ist. Vielleicht auch in Zwängen und selbstauferlegten Strafen. Es wird immer undichte Stellen geben und das sind meistens die, die einen daran hindern wirklich leben zu können.

Ich bedanke mich an der Stelle schon mal fürs lesen.
Diesen Text versuche ich schon seit mehreren Wochen aufzuschreiben und ich bin im Endeffekt immer unzufrieden damit gewesen oder hab mich nicht getraut, diese Thematik öffentlich zu machen. Es ist ein grenzwertiges Thema und es ist immernoch nicht besonders leicht für mich darüber zu sprechen. Aber das aufschreiben hilft mir ungemein. Der Austausch mit anderen Betroffenen hat mich weiter gebracht und ich hoffe, dass es einige unter euch ermutigt diesen Schritt auch zu wagen.

Flusi.

W-LAN, mein eigenes Bett und meine Privatsphäre.

Wie der Titel vielleicht vermuten lässt, bin ich endlich wieder daheim. Ich kann nun alle meine Serien auf Netflix anschauen, meine Apps aktualisieren und euch alle wieder stalken. GROßARTIG! 😀

Wer sich jetzt fragt wo ich war; in einer Klinik für Psychosomatik und Psychotherapeutische Medizin. Oder auch; in ner Klapse. Das ist nicht das netteste Wort, aber ich glaube damit können die meisten eher was anfangen. Wieso, weshalb und was mir das jetzt gebracht hat- erzähl ich euch jetzt. Diesen Beitrag verfasse ich vor allem für alle die sich in eventuell in einer Situation befinden, die meiner vielleicht gleicht. Dieser Beitrag wird um einiges länger- nur mal so als Vorwarnung.

Grund für den Aufenthalt in der Klinik;

Jaja, viele Menschen hier sind wahnsinnig neugierig und wollen uuuuunbedingt wissen, warum es mir eigentlich so schlecht geht. Und die Antwort meinerseits bleibt immer gleich- das ist nicht euer Bier und tut auch absolut nichts zur Sache.
Ich leide seit vielen Jahren an schlimmen Depressionen. Dazu kommt eine Bipolare Störung. (Wikipedia hilft, da möchte ich jetzt nicht weiter ins Detail gehen, sonst sprengt das den Rahmen) Kurz gesagt, psychisch bin ich eine absolut unstabile Person. Ich kann oft Tagelang nicht aufstehen, habe schlimme Panikattacken, Albträume mit Flashbacks und Angsstörungen. In meinem Alltag werde ich oft von ganz normalen Sachen getriggert, das kann ein Geruch, eine Bewegung oder ein bekanntes Gesicht sein. Darauf reagiere ich häufig mit Atemnot, Kreislaufproblemen und teilweise auch mit den Flashbacks. Das fühlt sich übrigens genauso an wie es sich liest- unangenehm. In den letzten Monaten sind diese Signale wieder extrem häufig geworden und vor 8 Wochen war ich an einem Punkt, an dem diese Angstzustände und die manische Depression mein Leben so beeinflusst haben, dass ich gar nicht mehr leben wollte. Ich spielte nicht mehr nur mit den Gedanken an Suizid sondern hatte mir auch schon einen konkreten Plan gefasst. Und das war der Moment, als es bei mir im Kopf ‚Klick‘ gemacht hat. Ich war nicht mehr lebensfähig, nicht mehr in der Lage mich selbst aus diesem Loch zu holen. Aber was tun, wenn man sich niemandem anvertrauen möchte und man selbst kurz vor dem Abgrund steht?

Die Einweisung:

Nach zwei Wochen ‚Pause‘ bei meiner Mutte- die leider nicht geholfen hat- bin ich dann zu meinem Hausarzt gegangen. Ich hatte einen riesigen Klumpen im Magen und panische Angst, dass er meine Zustände nicht für voll nimmt. Diese Erfahrung hat wahrscheinlich jeder Betroffene schon mal gemacht und das schreckt einen natürlich extrem ab. Mein Hausarzt hat aber ganz anders reagiert, als ich gedacht hatte. Nämlich mit reinem Verständnis. Ich habe diesem Mann eine Stunde gegenüber gesessen und geheult, hyperventiliert und dann noch mehr geheult. Hab ihm gesagt was los ist und er hat mich nicht einfach weggeschickt, sondern nach Lösungsansätzen gesucht. Ich wollte partout nicht in eine Klinik. Unter keinen Umständen- so meine dahingestammelten Sätze. Doch nach langem reden hat mir mein Arzt dann einen Einweisungsschein geschrieben. Also bin ich nach Hause gefahren, hab mir meine Zahnbürste und einmal Wechselsachen eingepackt und bin in die Notaufnahme der Klinik gefahren. Mit Angst. Und dem naiven Gedanken, dass ich morgen schon wieder Heim darf- mit Medikamenten und so. Vorstellig geworden bin ich dann bei einer Ärztin im mittleren Alter die vor allem eins war- null emphatisch. Das hat mich zu dem Zeitpunkt wirklich angekotzt, aber mittlerweile verstehe ich es gut. Wenn man nämlich jeden Tag Menschen betreuen muss die sexuellen Missbrauch, körperliche Gewalt und so weiter hinter sich haben, diese dir dein Herz ausschütten, dann muss man sich irgendwie davon distanzieren. Einen kühlen Kopf bewahren, sonst bricht man unter dieser Last zusammen. Nach einer ersten Eigenanamnese begleitete die Dame mich auf eine geschlossene Station. Sprich- du kommst hier nicht raus. Da ich suizidgedanken hatte und damit eine Gefährdung für mich und wahrscheinlich auch für Andere war, wurde ich erstmal in Sicherheit gebracht. Ich nenne es extra Sicherheit, weil es mich vor Schlimmeren bewahrt hat. Auf der geschlossenen Station hat man erstmal komplett alle meine Sachen durchsucht, Haarnadeln, Ladekabel, Tabletten, spitze Gegenstände, Schminke und so weiter und so fort, wurden mir abgenommen. Aus einem einfachen Grund; Strangulierungsgefahr. Mein Handy durfte ich behalten, meine Bücher und die Zahnbürste auch. Ich kam mir im ersten Moment echt verloren vor, aber es war okay.

Der Aufenthalt geschlossene und offene Station:

Um vor allem die Schweigepflicht an dieser Stelle einzuhalten, werde ich niemals ins Detail gehen- das dient dem Schutz meiner Mitpatienten und natürlich auch mir selbst.

Ich war eine komplette Woche auf der geschlossenen Station. Zum runterfahren, zur medikamentösen Einstellung und zum schlafen. Ich hatte davor Tagelang immer nur mal die Augen zugemacht, aber erholsamer Schlaf war das nicht. Ich bekam Antidepressiva und etwas um die Nerven zu beruhigen. Die Woche auf der geschlossenen verlief unspektakulär. Ich hab nicht viel gemacht, rausgehen durfte ich nicht und der Besuch war zu diesem Zeitpunkt noch sehr störend. Als ich soweit stabil war, bin ich auf die offene Station „umgezogen“. Dort lief das ganze etwas anders ab. Therapieplan, Wochenplan, rausgehen und mehr Kontrolle über sich selbst. Im Vordergrund standen die Gruppentherapien. Was mich am Anfang ziemlich verunsichert hat- nicht, dass ich ein Problem mit reden hätte. Aber fremden Menschen mein Leid ins Detail klagen? Bitte nicht. Nach einer Woche allerdings waren diese Menschen nicht mehr fremd sondern eher eine Zufluchtsstätte für mich und meine Gedanken. Die Gruppengespräche teilen sich in mehrere Schichten; die Gruppengespräche an und für sich, wo über ein Thema gesprochen wird was der ein oder anderen direkt betrifft. Das soziale Kompetenztraining, was speziell auf die Vermeidungsstrategien zielt die man sich vielleicht so angewöhnt hat und wie man sich bestimmten Dingen, Menschen und Situationen stellt. Das Aufmerksamkeitstraining- dabei geht es um die Konzentration und das trainieren von eben dieser. Dann gab es die aktive Bewegungstherapie. Eine Therapie die fast ohne Worte stattfand. Dort geht es vor allem um Vertrauen, Mimik und Gestik. Es gab viele Übungen die mir geholfen und einiges klar gemacht haben. Fast täglich hatten wir Ergotherapie- ihr wisst schon. Basteln und sowas. Wir mussten aber z.B auch unser „Zukunfts-Ich“ zeichnen und erklären- war eigentlich ne ganz coole Sache, vor allem weil man mal den Kopf ausschalten konnte. Dann gab es die Genusstherapie- in dieser Therapie dreht sich alles um die Sinne. Um wieder bewusster Sachen wahrzunehmen und auch zu genießen. Sei es das Stück Schokolade, das heiße Bad oder der Besuch im Museum alleine. Musiktgerapie mochte ich mit am liebsten- da durfte man ganz wie man wollte mit den Instrumenten herum experimentieren, singen und etwas ausgelassener sein.
Jeden Morgen um 7:00Uhr musste die komplette Truppe 20 Minuten spazieren gehen- vor dem Frühstück. Das hab ich als Morgenmuffel nicht wirklich leiden können, aber es gehörte eben dazu. Neben all diesem ganzen Kram gab es auch Einzeltherapien. Darauf muss ich hier wohl nicht weiter eingehe, ich denke jeder kann mit diesem Begriff was anfangen. Drei Mal die Woche hatten wir Abendgestaltungen- ebenfalls Pflicht. Diese mussten wir uns selbst sortieren und organisieren. Das fing mit nem Ausflug nach Warnemünde an und ging hin bis zum Spiele und Bastelabend. Freitags haben wir meistens einen Film geschaut und Pizza bestellt. 😉
Bis auf zwei Einzelzimmer gab es sonst nur Zweierzimmer- was echt okay war. In keinem Zimmer gab es einen Fernseher, Laptops und Tablets waren verboten. Man sollte sich nicht von den anderen isolieren und deswegen gab es auf der Station auch kein WLAN. Man musste sich schon beschäftigen oder im Aufenthaltsraum mit den anderen Menschen reden. Ab 16Uhr durfte man auch, abgesehen von den Mahlzeiten, auch Fernseh gucken. Das hat mich aber gar nicht gereizt.
Die Schwestern, Pfleger, Ärzte und Therapeuten waren, bis auf wenige Ausnahmen, durch die Bank hinweg nett. Ich persönlich habe mich sehr gut aufgehoben gefühlt.

Der Abschluss und wie es jetzt weiter geht:

Mich hat dieser Aufenthalt aufgefangen und vor Schlimmeren geschützt. Genutzt haben mit die Therapien aber nur teilweise etwas. Was aber nicht an der Kompetenz oder so liegt, sondern an meiner Diagnose. Mein nächster Schritt wird eine Trauma Therapie sein- denn das ist es was ich eigentlich benötige. Die 6 Wochen Aufenthalt haben mich aber trotzdem viel gelehrt. Ich komme besser mit meiner Wut klar, kann meine Gefühle klarer benennen und habe wieder mehr Mut um auch offen drüber zu sprechen. Die Suizidgedanken sind aktuell aus meinem Kopf verbannt und ich versuche mich nicht mehr so zu stressen mit mir selbst. Eine Zeitlang habe ich gar nichts mehr gespürt und jetzt fühle ich wieder alles. Das ist nicht ganz so einfach, aber jeden Tag lerne ich ein bisschen was über mich und meine Reaktionen.
Ich freue mich sehr wieder daheim zu sein, auch wenn ich ängstlich bin.

Ich habe absolut keine Ahnung ob das jetzt jemanden was gebracht hat. Mir werden häufig diesbezüglich Fragen gestellt und deswegen wollte ich hier so offen und ehrlich wie möglich schreiben. Falls es immernoch Fragen gibt- immer her damit.
Wie Aneghörige mit dieser Situation umgehen sollten, das ist nochmal ein anderes Thema, über das ich bei interesse auch gerne schreibe.

Danke fürs lesen. Meine Finger frieren, ich muss erstmal die Heizung anschmeißen 🙂

Flusi

(Rechtschreibfehler, Kommafalschsetzung und ähnliches- dürft ihr behalten.)

Die Luft ist raus.

Das Jahr war ein auf und ab der Gefühle.
Zusammenfassend aber vor allem schwierig und mit vielen Veränderungen gespickt. Und ich mag es nicht wenn sich Sachen verändern. Ich brauche Zeit um Dinge zu akzeptieren und dann eventuell zu mögen. Aber wenn keine Zeit zum durchatmen besteht, wenn ein Horrorszenario dem nächsten folgt- dann ist man irgendwann aus der Puste. Und so ging es mir jetzt zum Ende des Jahres auch. Meine Lungen benötigen so viel mehr Sauerstoff.

Im Januar ist mein Stiefvater an einem Schlaganfall gestorben und das hat mich für viele Wochen völlig aus der Bahn geworfen. Ich hatte das Bedürfnis mich um meine Mama zu kümmern, mich um alle anderen zu kümmern- darüber hinaus vergaß ich aber das trauern. Das kam erst weit nach der Beerdigung. Und die Zeit war viel zu kurz um wirklich trauern zu können. Mein Umzug nach Rostock stand nämlich schon in den Startlöchern, inklusive neuem Job. Und so aufregend das alles rückblickend auch war, ich bin rausgewachsen aus dieser Stadt. Die Menschen hier haben sich nur bedingt entwickelt und ich habe mir so viel mehr erhofft. Den Frieden und die Ruhe die ich bekam, die war nur begrenzt auf einen Zeitraum und auch nur geliehen. Vor zwei Monaten stand dann fest- wir müssen wohl nach Bayern. Mit wir meine ich den Typen und mich. Er wird dort seine erste Arbeitsstelle nach dem Studium haben und da wir diese blöde Fernbeziehung so leid sind, ziehe ich also mit. Wieder etwas Neues, wieder etwas Unbekanntes. Bis vor kurzem hab ich noch mit mir gerungen, eigentlich wollte ich nie nach Bayern. Berge. Berge. Berge. Aber ich höre doch wie das Meer mich ruft. Und gleichzeitig denke ich mir „Kann diese scheiß Reise bitte vorbei sein?“ Ich möchte so gerne irgendwo angekommen sein, Zuhause sein. Ich möchte an einem Ort leben, an dem ich wirklich zur Ruhe kommen darf. Den Typen heiraten, ein Baby bekommen, ein Buch schreiben, morgens im Garten mit Tee sitzen und Abends vielleicht mit Wein, Nachbarn haben bei denen man gelegentlich grillt und auf die Kinder aufpasst. Ihr wisst schon, das volle Programm an versnobtem 0815 Leben. Die letzten 23 Jahre waren Chaos genug. Das hätte für 4 Menschen gereicht. Und ich habe das Gefühl es reißt nicht ab. Vor anderthalb Monaten dann der große Knall- ich bin das Erste Mal sein Ewigkeiten nicht mehr alleine aus meiner Depression raus gekommen. Und ich hab mir Hilfe geholt. Ich bin nun in einer Klinik- stationärer Aufenthalt. Um die Hilfe zu erhalten, die ich wohl schon eher benötigt hätte. Und um mich selbst zu schützen. Ich hab dem Druck nicht Stand gehalten und am Anfang hab ich mich dafür furchtbar geschämt. Psycho, Irre, Verrückte. Alles keine schönen Namen- Namen mit denen ich schon in Verbindung gebracht wurde. Aber ich möchte kein Geheimnis aus meiner Krankheit machen, möchte nicht, dass sich jemand dem es auch so geht, dafür schämt oder rechtfertigen muss.
Ihr würdet staunen, wenn ihr wüsstet wer in eurem Umfeld an Depressionen leidet. Schonmal Suizidgedanken hatte- vielleicht auch schon mehr als nur Gedanken.

Heute gehts mir etwas besser, ich versuche jeden Tag bewusster zu leben und den Schmerz der letzten Jahre auch zuzulassen. Verdrängung funktioniert nicht mehr- deswegen probiere ich es nun anders. So viele Sachen sind dieses Jahr passiert und so viele Dinge erwarten mich in dem nächsten. Der Umzug muss vorbereitet werden, eventuell ein neuer Job, neue Menschen, das wirkliche Zusammenleben mit dem Typen. Ich bin ängstlich- aber ich freue mich mittlerweile drauf.
Veränderungen machen mir Angst- aber sie sind nötig.

Wie bin ich da reingeraten?

„Ich glaube ich hab mich verliebt. Es ist so großartig mit diesem Menschen zu sein. Er hat mich gestern gefragt ob wir zusammen sein möchten und mein Herz hat bis zum Hals geklopft. Er ist der Richtige, ich weiß es. Andauernd macht er mir  Komplimente, schreibt mir süße Nachrichten und ich fühle mich gut in seiner Nähe.

Wir sind schon ein halbes Jahr zusammen und es läuft toll. Er hat mir gesagt, dass er mich liebt und natürlich habe ich erwidert. Ich liebe diesen Mann und ich möchte nichts lieber als ihn glücklich machen. Klar führen wir auch unsere Diskussionen, er möchte zB. nicht, dass ich mich so häufig mit meinen Freunden treffe. Aber damit komm ich klar. Ich bin lieber bei ihm. Er tut mir so gut.

Gestern hatten wir wirklich einen schlimmen Streit. Momenan ist es so warm draußen, dass selbst eine kurze Hose sich wie zu viel Stoff anfühlt. Als er mich in der Stadt mit meiner Freundin gesehen hat, ist er total ausgeflippt. Er hat mich vor den ganzen fremden Leuten am Arm gepackt und mich angeschrien. Ich weiß, er mag das nicht wenn mich andere Jungs anschauen. Aber es ist so warm. Wir haben uns jetzt geeinigt. Ich werde nur noch lange Hosen anziehen. Er ist einfach eifersüchtig und überfürsorglich.

Ich dachte wir hätten uns vertragen, allerdings hatten wir wieder Zoff. Ich wollte feiern gehen, den Abend mit meinen Freunden genießen. Ich hab sie alle so lange nicht gesehen. Aber er hat die Tür abgesperrt und wollte mich nicht gehen lassen. Hat keinen Ton gesagt aber er sah sehr wütend aus. Mein Handy hat er mir weggenommen. Ich konnte nicht feiern gehen und natürlich sind jetzt alle wütend auf mich. Aber heute Morgen hat er sich entschuldigt, das war echt lieb von ihm. Das werden meine Freunde sicher verstehen.

Er ist so eifersüchtig. Ich weiß, er liebt mich. Aber er lässt mich mit niemandem mehr weg gehen. Er unterstellt mir fremd zu gehen. Das würde ich niemals machen. Warum vertraut er mir nicht? Ich zeige ihm anscheinend noch nicht genug wie sehr ich ihn liebe.

Heute war ein schlimmer Tag. Ich dachte wirklich er würde sich bessern. Aber als ich ihm vorhin widersprochen habe, hat er ausgeholt und mir ins Gesicht geschlagen. Mit der flachen Hand. Es tat nicht besonders weh, aber der Schock war groß. Ich muss mich mehr anstrengen.

Er hat sich entschuldigt und gesagt es passiert nie wieder. Ich bin so froh, dass alles wieder gut ist. Ich bin aber auch selbst Schuld, warum kann ich meine groß Klappe nicht halten?

Ich lag falsch. Nicht hat sich geändert. Heute musste ich zum Arzt. Er hat mir im Streit mein Handgelenk verstaucht und ich habe einen riesigen blauen Fleck am Hals. Man sieht ganz genau wo seine Finger lagen. Wie soll ich das jemandem erklären?

Es wird immer schlimmer, ich traue mich kaum noch aus dem Haus. Er wird sofort handgreiflich, schreit mich an. Ich weiß nicht was schlimmer ist, der körperliche oder der psychische Schmerz? Keiner meiner Freunde redet mehr mit mir. Ich hab niemanden außer ihn.

Ich würde so gerne gehen, aber ich trau mich nicht. Ich bin komplett alleine. Und das weiß er auch. Niemals hätte ich gedacht, dass er so ist. Er war so lieb, hat mir immer Komplimente gemacht. Ich dachte ich wäre verliebt. Aber ich bin abhängig von einem Menschen den ich hasse.“

 

Irrungen.

Kennst du das?

Laufen, laufen, laufen und trotz tausender Schritte niemals ankommen. Jede Biegung schon zig Mal genommen, jede Lichtung entdeckt, jede Höhle erforscht und du bist doch niemals wirklich da. Dein Selbst in mehrere Teile zerstreut, den Kopf in den Wolken, das Herz irgendwo vergraben, die Karte dahin schon vor Meilen verloren. Die Monster unter dem Bett, im Kopf und an jeder Ecke. Kannst nicht mehr sagen wann Tag und Nacht ist. Du stehst ganz am Anfang, dabei zerbersten deine Lungen schon fast, weil du schon ewig unterwegs bist. Du bist getrieben und du weißt nicht mal was da hinter dir her ist. Vielleicht verfolgst du dich selbst. Alles zu laut, gleichzeitig zu leise. Die Beschilderung kaputt, ein Labyrinth und an allen Ecken nur Sackgasse. Dunkelheit. Blendendes Licht.

Ich kämpfe mit meinen Gedanken um zu beschreiben, wie es mir die letzten Jahre oft ging. Das es nur wenige Momente gab, in denen ich mich nicht gejagt gefühlt habe. In denen ich bewusst genießen konnte, ohne Selbstzweifel, ohne Angst, ohne die Monster. Ich hab lange nicht verstanden, dass ich mich nicht alleine schützen muss. Dass ich Schutz von außen zulassen darf, muss. Dass ich vielleicht gar nicht von etwas Schlechtem verfolgt werde, sondern von Menschen dir mir versuchen zu helfen. Ein selbst aufgebautes Schutzschild ist schön und gut, solange es dich beschützt. Meins hat mich abgeschirmt. Ich bin kein sozialscheuer Mensch, im Gegenteil, allerdings bekam niemals jemand mehr zu sehen als ich es zuließ. Aus Angst? Vor lauter Selbszweifeln? Ich kann es mir selbst gar nicht beantworten. Mittlerweile weiß ich es einfach besser.

Manchmal muss man einfach springen. Und man muss „Ja“ sagen, wenn man bereit ist Hilfe anzunehmen. Wenn man eine Hand gereicht bekommt, wenn der Schutzwall bröckelt, dann ist es okay das nicht alles alleine zu machen. Egal in welcher Form man sich Hilfe sucht. Oder stehen bleibt und sieht das Hilfe unterwegs ist.Nein du musst nicht alleine stark sein, du darfst in einer anderen Umarmung zusammen brechen, dich aufbauen lassen und dann wieder weinen. Wenn du deinen Kopf auf einer Schulter ablegen kannst wird es sehr viel leichter sein mit den Problemen umzugehen. Ein zweites Schutzschild. Nimm Hilfe an wenn du bereit bist. Kein Schmerz dieser Welt muss alleine ausgehalten werden. Das Sprichwort „Doppeltes Leid, ist halbes Leid.“, ist keine doofe Floskel.

Bleib endlich stehen. Da ist Hilfe unterwegs, jemand mit einer Leiter. Damit du nicht mehr in diesem verdammten Labyrinth fest sitzt.

Zu wenig Zeit.

Als ich gestern mit meiner Mutter telefoniert habe, da war ich mir so sicher, dass deine Stimme im Hintergrund auftaucht und laut dazwischen ruft. Mich fragt wann ich denn mal wieder vorbei komme.

Und dann traf es mich erneut. Jeden Tag gibt es einen bestimmten Moment, meist kurz vor dem schlafen. Dieser eine Moment der mir sagt „er ist weg“. Und dann bin ich für ein paar Minuten wie betäubt. Weil du mich nicht begleiten wirst, weil du meine Mutter nicht begleiten wirst. Weil du ein Loch in diese Familie gerissen hast. Wird das jemals aufhören? Werden wir jemals aufhören deinen Namen zu flüstern, auf leisen Sohlen durch das Haus zu gehen? Ich hoffe es so sehr. Gleichzeitig habe ich panische Angst davor, dass du vergessen wirst. Dein Name nicht mehr fällt.

Du warst so unbeugsam, ein Fels, eine Eiche. Stark, unerschütterlich, menschlich. Wir haben dich nicht nur geliebt, wir haben dich geschätzt. Für deine Engstirnigkeit, deine Ehrlichkeit und dein Wort. Dein Wort. Deine raue Stimme, mal leise, mal laut. Durch die vielen Episoden deines Lebens so klug, mal sarkastisch. Du hattest mehr als neun Leben, dachten wir. Du hattest dieses Glück genauso verdient wie wir. Ich hoffe du hast das gespürt, hast gespürt, dass wir da waren. Deine Hand gehalten haben, als deine Organe versagt haben, als dein Herz aufgehört hat zu schlagen. Du hattest noch so viel Zeit, dachten wir. 45 Jahre. Vorbei. Wir hatten nicht genug Zeit.

Du hast dich nie als Ersatzvater beworben, bist es eben genau deswegen geworden. Vielleicht nicht mehr die kleine Tochter dessen Schaukel man anschubst, aber die Tochter die mit dir in der Küche steht, Bier trinkt und über den Traktor redet. Vielleicht nicht der Vater der beim Handball am Feldrand gestanden hat und mich bejubelt hat, aber der Vater, der mir Verteidigungsgriffe zeigt, meinen Freund als Schwiegersohn akzeptiert und mich zum Altar führen sollte. Wir hatten zu wenig Zeit. Du solltest doch der coole Opa mit Strohhut sein, der mit meinen Kindern in der Werkstatt steht und bastelt. Der mit seinem Enkel das erste Bier trinkt und ihn heimlich nippen lässt, weil Opas sowas nunmal tun. Du solltest mich belehren, solltest mich in Schutz nehmen. Wir hatten nicht genug Zeit.

Du solltest meine Mutter begleiten, alt werden mit dieser Frau und später mit ihr zusammen senil werden und dann, wenn die Zeit gekommen wäre, gemeinsam gehen. Stattdessen ist sie jetzt alleine, wieder alleine. Ich weiß du wolltest das nicht, bist nicht freiwillig gegangen. Doch das ändert nichts an der Tatsache. Ändert nichts daran, dass sie keine Eiche mehr hat, keine Schulter zum anlehnen. Wenn mein Schmerz schon so übergreifend ist, wie muss es dann wohl in ihr aussehen? Wir reden über dich, aber immer mit Bedacht. Keiner spricht aus, dass wir dich vermissen. Denn dann müssten wir zugeben, dass du nicht von der Arbeit heimkehrst. Wir hatten zu wenig Zeit.

Als ich gestern mit meiner Mutter telefoniert habe, da war ich mir so sicher, dass deine Stimme im Hintergrund auftaucht und laut dazwischen ruft. Doch du kehrst nie wieder, lachst nie wieder. Da wo eine Eiche war, da sind nur noch Wurzeln. Wir sind taub. Wir sind blind vor Trauer. Wir hatten zu wenig Zeit.

 

Das hier ist anders.

„Ich hab mir ein Ticket gekauft. Und ich werde nicht wieder kommen.“, sagst du mir an unserem gemeinsamen Abend. Der letzte, so wie es nun schien. „Was für ein Ticket?“, erwidere ich stutzig, der Kloß in meinem Hals lässt mich schwer atmen. „Ich muss hier weg. Ich kann nicht bleiben, das wusstest du doch oder?“ Klar wusste ich das, ich hab damit gerechnet und gebetet, dass du doch bleibst, ich dich überreden könne. Doch dir reicht der Platz in meiner kleinen 1-Zimmer Wohnung nicht. Du brauchst viel mehr Luft, so warst du schon immer. 20qm sind zu klein, dir gehört die Welt. Und ich hasse dich dafür. Du kommst und du gehst, so ist es schon seit Jahren. Ich kann dir nicht in die Augen schauen, denn da würde ich etwas suchen, was ich nie finde. Die Augen brennen, meine Hände zittern. „Bitte bleib!“ Es ist das erste Mal, dass ich dich bitte an meiner Seite zu verharren, innerlich bereite ich mich schon auf die Abfuhr vor. „Ich muss gehen.“ Und da ist sie. Es ist ein bisschen wie ein Schlag ins Gesicht, ohne Spuren.

Am nächsten Tag bring ich dich zum Flughafen. Dein Flug geht ans andere Ende der Welt und du lässt mich tatsächlich hier. Bis zum Schluss warte ich, dass du „Überraschung“, schreist. Noch ein weiteres Ticket zum Vorschein bringst und mir erzählst, dass du mich mitnimmst. Oder wenigstens zurück kommst. Doch es fühlt sich nicht so an wie die letzten Male, das hier ist für immer. Für immer ohne dich. Meine Sicht ist betrübt, die Tränen bahnen sich den Weg.

Du hälst meine Hand, ich versuche das Gefühl in mir aufzusaugen. Deine Haut ist weich, wie oft hast du mich damit berührt? Mal flüchtig, mal mit voller Absicht. Deine Lippen sind ein bisschen eingerissen, wie oft hast du mich damit schon geküsst? Auf den Hals, auf den Kopf, auf den Mund. Noch mehr Tränen. Du starrst mich an, graue Augen, gelbe Flecken. Wie oft hast du mich schon so angeschaut? Mal wütend, mal spöttisch. Du bleibst stehen, ziehst mich zurück. Ich blicke zu Boden, noch mehr Tränen. „Hey.“, flüsterst du, nimmst mich in den Arm. Ich spüre dein Herz klopfen. Wie oft standen wir schon so da? Als Wilkommensgeste, zur Versöhnung. Niemals so wie heute, niemals hatten wir diesen endgültigen Abschied. Da war immer Hoffnung, immer ein Funke. Heute ist alles schwarz, da ist kein Licht. Nur dieses Loch, nur du und ich und dein verdammtes Ticket.

Und dann verschwindest du. Sagst kein Wort zum Abschied, denn nichts würde ausreichen, kein Ton würde hier genügen. Dein Blick trifft mich, ein letztes Mal. Dieses Mal liegt Wehmut darin. Ein Abschied der längst überfällig war, das wissen wir beide.

Du hast dir ein Ticket gekauft. Bist nie wieder gekommen.